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Winfried Hermann : Der letzte Sponti

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) Bild: dapd

Winfried Hermann handelte bisher nach dem Motto: Hauptsache, die Protestbewegung versteht, dass ich alles tue, um Stuttgart 21 zu verhindern. Deshalb steht er nun in der Kritik.

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          Fragt man grüne Realos in Stuttgart nach den Kapriolen ihres Verkehrsministers Winfried Hermann, dann antworten sie meist, er sei immer noch der vernünftigste Linke. Bevor Hermann Anfang Mai baden-württembergischer Verkehrsminister wurde, mag das sogar gestimmt haben, denn als Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Verkehrsausschusses zeichnete sich Hermann durch etwas aus, was schon immer ein Markenzeichen grüner Politik war: Er machte, streng nach grüner Nahverkehrsideologie, detailversessen Oppositionsarbeit. In Stuttgart hat er sich den Ruf erarbeitet, so etwas wie der letzte Vertreter der Sponti-Fraktion in der grün-roten Landesregierung zu sein.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Das dürfte bei dem 1952 im katholischen Rottenburg geborenen Hermann zwei Ursachen haben – charakterliche und politisch-inhaltliche. Der frühere Gymnasiallehrer für Deutsch und Sport ist der Prototyp des immer etwas zu eifrigen und missionarisch veranlagten Sportlehrers. Weil der immer mit Rucksack ausgestattete Parteilinke von der Anti-Stuttgart-21-Bewegung gern zum „Aufklärer“ stilisiert wird, er diese Rolle dankbar annimmt, steht er nun öffentlich in der Kritik wie kein anderer Minister des Kabinetts.

          Die CDU hatte deshalb am Tag der Veröffentlichung des Stresstests eine Parlamentsdebatte mit dem Titel „Verkehrsminister auf Geisterfahrt“ beantragt. „Ich will mir später nicht nachsagen lassen, dass ich die Kosten bei Stuttgart 21 nicht ausreichend kontrolliert habe“, sagte Hermann zur Rechtfertigung seines ungewöhnlichen Vorgehens in den vergangenen drei Monaten. Schon am Tag der Wahl des Ministerpräsidenten war Hermann mit einem Interview aufgefallen, in dem er gesagt hatte, er werden die Zuständigkeit für Stuttgart 21 abgeben, falls das Projekt gebaut werde. Dann folgten zahlreiche weitere Fehltritte, schnell war von einem Fehlstart die Rede.

          Politische Stilfragen sind nachrangig

          Hermann handelte offenbar nach dem Motto: Hauptsache, die Protestbewegung versteht, dass ich alles tue, um den neuen Durchgangsbahnhof zu verhindern, alles andere, vor allem politische Stilfragen, ist nachrangig. So ließ der Minister gleich mehrere Juristen die Akten des früher von der CDU geführten Ministeriums sichten. Die fanden tatsächlich Belege dafür, dass das Ministerium große Zweifel an den Kostenkalkulationen der Bahn hatte. Im Jahr 2009 ließ das Ministerium, damals noch Teil des Innenministeriums, sogar von einem Anwalt prüfen, ob es nicht von der Bahn arglistig getäuscht worden sei.

          Doch letztlich waren es immer aus dem Zusammenhang gerissene Behauptungen. Ungewöhnlich waren auch Hermanns Personalentscheidungen: Zum Leiter der Zentralstelle machte er Gerd Hickmann, einen Stuttgart-21-Gegner, an sein Bürgertelefon setzte er einen ehemaligen „Parkschützer“.

          Hermann ist neben seiner Staatssekretärin der einzige Vertreter des linken Flügels seiner Partei in der Regierung. Deshalb wird Ministerpräsident Kretschmann ihn so schnell nicht auswechseln können, aber den Ruf eines neutralen Ministers mit fachlicher Autorität dürfte sich Hermann so schnell nicht mehr erarbeiten können.

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