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Thorsten Schäfer-Gümbel : Aufstieg aus der dritten Reihe

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Respekt: Thorsten Schäfer-Gümbel und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig mit Jugendlichen im Frankfurter „Boxcamp Gallus“ Bild: Cunitz, Sebastian

Nach Andrea Ypsilantis Rücktritt galt er als Notlösung, als Blitzableiter für die Wut der SPD-Wähler. Aber Thorsten Schäfer-Gümbel blieb. Jetzt will er in Hessen Volker Bouffier als Ministerpräsidenten ablösen.

          Über sein Lieblingsbuch könnte Thorsten Schäfer-Gümbel noch stundenlang fachsimpeln. „Haben Sie ,Herr der Ringe‘ gelesen?“, fragt er den jungen blonden Mann in der kleinen Runde, der ihm gegenübersitzt und den Mann mit der Brille und dem dunklen Anzug verlegen anblinzelt. „Alle drei Bücher!“ Wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort. Und dann tauschen sich der Politiker und der Lehrling in der grünen Gärtnermontur begeistert über den kleinen Hobbit und die beste DVD-Edition mit der ungeschnittenen Fassung des Fantasy-Klassikers aus.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Mit diesem wunderbar unpolitischen Gesprächsthema jenseits von Mindestlohn und Pkw-Maut hat der hessische SPD-Spitzenkandidat das Eis gebrochen. Auch der andere junge Mann und die junge Frau neben ihm tauen nun auf. Sie erzählen über ihr Leben und ihr Scheitern in der Schule. Wie sie als ausgegrenzte Außenseiter und aggressive Störenfriede ohne Freunde den Lehrern Angst einjagten oder wegen Depressionen das Gymnasium abbrechen mussten. Und wie sie nun die Chance nutzen, hier mit einer Ausbildung als Bürokaufleute und Gärtner ihren Platz in der Gesellschaft und soziale Anerkennung zu finden.

          Spitzenkandidatur galt als schlechter Witz: „Schäfer wer?“

          In dem Wohndorf des Berufsbildungswerks im südhessischen Karben trifft Schäfer-Gümbel auf seiner Wahlkampftour junge Menschen mit Lernbehinderung oder einer psychischen Erkrankung, die hier eine Ausbildung erhalten. Und auch so etwas wie eine Gemeinschaft erleben, in der sie nicht als Außenseiter gelten. Es sind viele darunter, die hier zum ersten Mal Wertschätzung für ihre Leistungen erfahren. Erfolgsgeschichten, die wie maßgeschneidert zu Schäfer-Gümbels Wahlkampfbotschaft vom „sozialen Zusammenhalt“ und dem „Respekt vor harter Arbeit“ passen. Ebenso gut passen diese Geschichten zu seiner eigenen Lebensgeschichte und seinem politischen Aufstieg – vom als linkisch verspotteten Hinterbänkler zu dem in der hessischen SPD unangefochtenen Spitzenkandidaten mit einer vor fünf Jahren nicht für möglich gehaltenen Chance, am 22. September als Ministerpräsident den CDU-Amtsinhaber Volker Bouffier abzulösen.

          Für einen schlechten Witz und allenfalls eine Verlegenheitslösung halten viele Journalisten – zumal aus dem Corps der Hauptstadt-Presse – die Nachricht in jenen dramatischen Tagen im November 2008, wer Nachfolger für die gerade gescheiterte SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti bei der Neuwahl am 18. Januar 2009 werden solle. „Schäfer wer?“ heißt eine der höhnischen Überschriften, nachdem der tief gefallene Star der hessischen Sozialdemokratie seinen Genossen den einfachen Abgeordneten Thorsten Schäfer-Gümbel aus Gießen am 7. November 2008 als Leiter des Himmelfahrtskommandos vorgeschlagen hatte. Er sollte die Bestrafung der Wähler für das gebrochene Wort seiner Vorsitzenden abholen, sich niemals von der Linkspartei zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen.

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