https://www.faz.net/-gpf-z6po

Stephen Harper : Radikaler Zentrist

Stephen Harper Bild: dapd

Vor acht Jahren schmiedete Stephen Harper in Kanada eine Konservative Partei. Er erlebte bittere Niederlagen. Jetzt kam der Triumph.

          2 Min.

          Die Kanadier haben sich längst an ihn gewöhnt, und je länger sie ihn haben, desto mehr scheinen sie ihn zu schätzen. Schon wird über Platz und Rang Stephen Harpers in der Geschichte der kanadischen Ministerpräsidenten nachgedacht. 2006 wurde Harper erstmals zum Regierungschef gewählt - als Vorsitzender der Konservativen Partei, die er erst zwei Jahre zuvor aus zwei zerstrittenen Parteien geschmiedet hatte. In diesem ersten wie im zweiten Anlauf von 2008 reichte es aber jeweils nur zur Bildung einer Minderheitsregierung. In beiden Fällen kam Harper lange vor Ablauf der Legislaturperiode durch eine Niederlage bei einer Budgetabstimmung - der kanadischen Version eines Misstrauensvotums - zu Fall.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Bei der Parlamentswahl am 2. Mai hat Harper nun seinen vorerst größten Erfolg erzielt: Seine Konservative Partei gewann 40 Prozent der Stimmen und mit 167 der insgesamt 308 Parlamentssitze eine stabile Mandatsmehrheit. Zugleich kam es zu gewaltigen Verschiebungen in der politischen Landschaft Kanadas: Die linkspopulistischen Neuen Demokraten unter ihrem sonnigen Parteichef Jack Layton werden erstmals die Opposition führen, während die ebenfalls linksgerichteten Liberalen und der separatistische „Bloc Québécois“ in der frankophonen Ostprovinz Québec die schwersten Niederlagen ihrer Geschichte erlitten.

          Jetzt haben Harper und seine Konservativen nicht nur erstmals vier Jahre Zeit, um ohne Furcht vor den Budgetabstimmungen ihre Agenda durchzusetzen. Sie können auch aus sicherer Position beobachten, wie sich die Parteien links der Mitte neu sortieren müssen, ehe sie den Konservativen wieder die Macht streitig machen können.

          Auf der Wahlparty am Abend des 2. Mai: Stephen Harper mit Frau Laureen, Tochter Rachel und Sohn Benjamin in Calgary
          Auf der Wahlparty am Abend des 2. Mai: Stephen Harper mit Frau Laureen, Tochter Rachel und Sohn Benjamin in Calgary : Bild: dpa

          Harper, der am 30. April 1959 in Toronto in der Ostprovinz Ontario geboren wurde, aber schon zum Studium der Volkswirtschaftslehre in den Westen zog und heute noch in Calgary lebt, ist in seiner politischen Laufbahn schon vieles genannt worden. Er galt als kalter rechter Ideologe, als neokonservativer Unilateralist und Marionette Washingtons, als Freund des Großkapitals und Feind des kanadischen Sozialstaats.

          Weil Harper aber den gewissermaßen radikalen Zentrismus der Kanadier kennt, ist er selbst ein radikaler Zentrist. Er hat sich bei den Ureinwohnern des Landes für das ihnen widerfahrene Unrecht entschuldigt. Er hat die frankophonen Québécois als eigenständige Kulturnation anerkannt, ohne sie mit dem Füllhorn der Subventionen aus Ottawa politisch gefügig zu machen. Und vor allem hat er die Wirtschaft und den Sozialstaat mit moderaten Reformen so gut auf Kurs gehalten, wie das in kaum einem anderen westlichen Industriestaat gelungen ist. 2010 wuchs Kanadas Wirtschaft um 3,3 Prozent, die Teuerung lag bei 2,2 Prozent, die Arbeitslosenquote bei 7,7 Prozent. Freilich wuchsen auch Staatsverschuldung und Defizit, die Harper nun zu reduzieren verspricht.

          Harper, der neben seiner englischen Muttersprache auch fließend Französisch spricht, ist ein eingefleischter Eishockeyfan und passionierter Freizeitpianist. Harper und seine Frau Laureen sind seit 1993 verheiratet, die Kinder Benjamin und Rachel sind 15 und 12 Jahre alt.

          Weitere Themen

          Österreich will Kirchen besser bewachen

          Nach islamistischem Anschlag : Österreich will Kirchen besser bewachen

          Österreichs Innenminister kündigt an, dass Gotteshäuser besser geschützt werden sollen. Zu den genauen Gründen äußert sich Nehammer zwar nicht. Doch vieles spricht dafür, dass die Entscheidung eine Folge des Anschlags in Wien ist.

          Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager Video-Seite öffnen

          AfD-Parteitag : Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager

          Auf dem AfD-Bundesparteitag hat Parteichef Jörg Meuthen einen Frontalangriff auf das rechte Lager gestartet. In seiner Rede in Kalkar kritisierte er eine zunehmend radikale Wortwahl und warnte vor der Nähe zur Querdenken-Bewegung.

          Topmeldungen

           Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

          Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

          Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.