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Roderich Egeler : Der Volkszähler

Roderich Egeler Bild: dpa

Seit Montag geht das Bundesamt für Statistik der Frage nach: Wie viele sind wir? Roderich Egeler leitet die Behörde.

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          Statistiken bilden die Grundlage aller privatwirtschaftlichen, aber auch staatlichen Planung. Deshalb gehören Volkszählungen seit etwa 2500 Jahren zum Verwaltungsinventar. In Deutschland allerdings verbindet sich mit dem Begriff eine der politischen Erregungs-Revolten in der alten Bundesrepublik. Mitte der achtziger Jahre wuchs der Protest gegen die Volkszählung zu einer Massendarbietung (klein-)bürgerlichen Ungehorsams. Orwells Vision des Überwachungsstaates („1984“ hieß sein Zukunftsroman von 1948) und eine Art nachholender Widerstand gegen den Faschismus mobilisierten Hunderttausende und auch das Bundesverfassungsgericht. Sein „Volkszählungsurteil“ war die Geburtsstunde des verfassungsmäßigen Rechts auf „informationelle Selbstbestimmung“. Inzwischen verliert mancher an einem Tag mehr Daten an das Internet, als er dem Volkszähler von 1987 hätte preisgeben müssen.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Roderich Egeler hatte dennoch auf Sensibilitäten zu achten. Und also schwärmten Mitarbeiter des statistischen Bundesamtes, dessen Präsident Egeler seit 2008 ist, bereits vor Monaten in die ganze Republik aus, um bei ungezählten Veranstaltungen und in Hintergrundgesprächen für den Zensus 2011 zu werben. Die Frage „Wie viele sind wir?“ steht im Mittelpunkt der Befragung, die, anders als ihre Vorgängerin, diesmal nicht die ganze Bevölkerung erfasst, sondern nur jeden Zehnten, sozusagen als statistische Berechnungshilfe.

          Egelers Behörde, die im Bundesinnenministerium angesiedelt ist, hat sich bemüht, jedwede protestträchtige Beiladung des Zensus 2011 zu vermeiden. Lediglich die Frage nach der Religionszugehörigkeit, die einen Hauch von Persönlich-Privatem ausstrahlt, muss deshalb auch nicht beantwortet werden. Es wäre aber beispielsweise für die Integrationspolitik doch hilfreich, wenn man einmal einigermaßen verlässlich erführe, wie viele Muslime eigentlich in Deutschland leben.

          Roderich Egeler ist als Präsident des Bundesamtes ein Herr über viele und unendlich detailliertere Zahlenwerke, die allerdings zunehmend von nicht sehr verlässlichen Bevölkerungsberechnungen ausgehen. Außerdem ist Deutschland mit seiner Volkszählung nur Teil einer europäischen Erhebung, die in diesem Jahr in allen EU-Staaten unternommen werden soll. Auch das machte es der Statistik-Behörde etwas einfacher.

          Egeler amtiert als Behörden-Präsident auch als Bundeswahlleiter. Als solcher verantwortet er nicht nur die Zulassung von Parteien zur Bundestagswahl, sondern auch das „amtliche Endergebnis“. Im vorletzten Jahr, vor den Wahlen zum 17. Bundestag, hatte sein Prüfauftrag bei der Wahlzulassung zu Meinungsverschiedenheiten auch im Bundeswahlausschuss geführt. Egelers Beurteilung und Stimme gab den Ausschlag bei der Ablehnung einiger Bewerber. Das führte zu Kritik und Klagen.

          Egeler, geboren am 7. Mai 1950, gehört der CDU an und leitet das in Wiesbaden ansässige Amt seit August 2008. Zuvor war er Referent, Referatsleiter und Abteilungsleiter im Bundesamt für Zivilschutz. 1992 wechselte er in das Bundesinnenministerium und führte zuletzt das Beschaffungsamt des Hauses.

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