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Ratko Mladic : Die bosnische Banalität des Bösen

General Ratko Mladic während des Krieges 1994, umgeben von Leibwächtern Bild: dapd

Ratko Mladic hat das Kriegshandwerk in einer Armee gelernt, die Klammer eines Vielvölkerstaates war. Angewendet hat er seine Kenntnis als serbischer Nationalist. Portrait eines Mannes, der sich als großer Feldherr eines kleinen Volkes sah.

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          Der General hat viel von sich erzählt damals im Krieg. Zwar sprach er fast nie über sich selbst, sondern redete meist über die Stärke der eigenen Soldaten und die Schwäche der anderen. Aber wenn er über die moralischen Vorzüge der Serben oder die Verschlagenheit der bosnischen Muslime und Kroaten schwadronierte, entwarf Ratko Mladic auch ein Selbstportrait - jedenfalls das Bild des Mannes, als der er gelten wollte. Er hat sich ohne Zweifel als den großen Feldherrn eines kleinen Volkes gesehen, aber darüber hinaus auch als einen Mann mit dem historischen Auftrag, jahrhundertealtes Unrecht zu rächen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          So führte er es in einem Interview mit der Zeitschrift „Time“ aus, das im August 1995 veröffentlicht wurde, als er schon vom UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagt war. Bosnien-Hercegovina und die selbsterklärte serbische Krajina-Republik in Kroatien seien für Jahrhunderte serbisch gewesen, behauptet er da. „Und sie wären es noch, wenn die internationale Gemeinschaft und einige Zentren der Macht die Kroaten und Muslime nicht ermutigt hätten, diesen Krieg zu beginnen“, sagt er weiter.

          Der Krieg, so Mladic, sei den Serben aufgezwungen worden, „von denselben Leuten die sich 1914 und 1941, zusammen mit dem Österreich-ungarischen Imperium und deutschen Faschisten“, gegen sie zusammengetan hätten. Zu Mladics Weltbild gehörten neben dieser Vorstellung einer antiserbischen Verschwörung in Berlin und Wien auch verquaste Szenarien vom Untergang des christlichen Abendlands, den nur die Serben aufhalten könnten, indem sie einen „islamischen Vorstoß“ nach Europa stoppten.

          Täter als Wohltäter: Der General mit Einwohnern von Srebrenica 1995

          Wo lernt man, die Welt so zu sehen? Ratko Mladic wurde am 12. März 1943 in der Gegend von Kalinovik geboren, einer bosnischen Gemeinde unweit der Grenze zu Serbien. Es waren blutige Zeiten in Bosnien. Das Haus sei voller italienischer Soldaten gewesen, als sie Ratko zur Welt gebracht habe, erzählte Mladis Mutter einmal einer Belgrader Journalistin. Wenige Wochen zuvor hatte die deutsche Führung zusammen mit italienischen und kroatischen Einheiten die „Operation Weiß“ begonnen, deren Ziel es war, Titos Partisanen im Süden Kroatiens und in Westbosnien zu zerschlagen. Titos „Volksbefreiungsarmee“ zog sich unter schweren Verlusten über das zentralbosnische Hochland zurück und musste sich dabei auch gegen einheimische Einheiten wehren: In Bosnien kämpften kommunistische Partisanen und großserbische Tschetniks mal gegen die Wehrmacht und kroatische Ustascha-Truppen, mal gegeneinander - und oft gegen Zivilisten, die sie der jeweils anderen Seite zurechneten.

          Der Vater kämpfte als Partisan

          Kalinovik, die Gegend von Mladics Geburt, liegt auf knapp 1100 Metern Höhe und etwa 45 Kilometer Luftlinie westlich der Grenze zu Serbien. Es ist eine einsame Gegend. Nordwärts von Kalinovik sind über Schotterpisten die Weiler Kuta und Vlaholje zu erreichen, in Richtung zur serbischen Grenze liegen die Dörfer Jelašca und Mosorovii, im Süden nur Berge. Kuta war vor dem Krieg muslimisch besiedelt. Heute gibt es in der Gegend kaum noch Muslime, denn seit dem Krieg von 1992 bis 1995 gehört Mladics Heimat zur bosnischen Serbenrepublik, der durch Massenvertreibungen entstandenen serbisch dominierten Hälfte von Bosnien-Hercegovina. Vier Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges lebten in der Gemeinde Kalinovik noch etwa 3700 Menschen, darunter vier Muslime und zwei Kroaten.

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