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Piratenpartei-Vorsitzender Nerz : Der bürgerliche Pirat

  • -Aktualisiert am
Sebastian Nerz führt als Oberpirat kein besonders verwegenes Leben: 1983 geboren, Bioinformatik Studium und eine Dreiviertelstelle als Softwareentwickler
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          „Nörs“, sagte die Moderatorin der BBC-Sendung „Hardtalk“, als sie im vergangenen November ihren Interviewpartner vorstellte. Sie sprach es aus wie das englische Wort für Krankenschwester, nurse. Dabei heißt der Mann Nerz, Sebastian Nerz. Er ist der Vorsitzende der Piratenpartei in Deutschland und wird dort allmählich bekannter, seit seine Partei im September mit 8,9 Prozent der Stimmen ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen ist und vor einer Woche mit einem nur etwas weniger guten Ergebnis in den saarländischen Landtag. Sebastian Nerz ist der Oberpirat.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Er kann eine Menge darüber sagen, was alles nicht ist. Zum Beispiel beklagte er vor der Kamera der BBC, dass die etablierten Parteien Deutschland nicht mehr repräsentierten. Der Moderatorin huschte ein Lächeln über das Gesicht, als sie staunend fragte, ob er denn glaube, er repräsentiere Deutschland. Nerz sagte zwar nicht rundheraus ja, nahm aber für seine Partei in Anspruch, zumindest eine präzisere Vorstellung davon zu haben, wie die Menschen in Deutschland kommunizierten.

          Er spricht übers Kommunizieren in einem soliden Schulenglisch, schon bei allerlei Gelegenheiten erprobt und geschliffen, aber doch von der Sprache eines Muttersprachlers ein gutes Stück entfernt. Ein gut ausgebildeter, nicht mehr ganz, aber doch noch ziemlich junger Mann, der innerhalb kürzester Zeit aufgestiegen ist zu einem politischen Prominenten.

          Alles andere als verwegen

          Piraten - das klingt verwegen. Ihr Anführer müsste eigentlich der Verwegenste sein, sonst wäre er ja nicht bis an die Spitze gekommen. Vielleicht wird man Nerz noch als verwegenen Parteiführer kennenlernen, der die Piraten in einen Landtag nach dem anderen, in den Bundestag und in allerlei Koalitionen führt. An die Macht eben. Noch aber wirkt er wie das glatte Gegenteil von verwegen. 1983 in Reutlingen geboren, machte er 2002 in Tübingen das Abitur. Nach dem Zivildienst studierte er in Tübingen Bioinformatik. Mittlerweile hat er eine Dreiviertelstelle als Softwareentwickler. Na klar.

          Über dem noch etwas weichen Gesicht thront eine beeindruckende, dunkle Haarfülle. Je nach Gelegenheit trägt Nerz unter dem Jackett offenes Hemd oder eine Krawatte. Der Mann führt ein bürgerliches Leben. Er ist seit Schulzeiten mit derselben Frau zusammen, hat sie im Oktober geheiratet. Und - das kann nun auch nicht mehr verwundern - er hat einen Hund. Das Schöne an Hunden ist, so findet er, dass sie sich freuen, wenn man abends nach Hause kommt.

          Verwegen: Die Buttons der Piratenpartei
          Verwegen: Die Buttons der Piratenpartei : Bild: dapd

          Alles hätte ganz normal laufen können im Leben von Sebastian Nerz. Es war ihm nicht an der Wiege gesungen, eines Tages zum Schrecken der etablierten Parteien zu werden. Er warf keine Steine auf Polizisten und kann nicht mit Verhaftungen bei Anti-Atom-Demonstrationen prahlen, wie es die Gründer des ersten Schreckgespenstes der etablierten Parteien, der Grünen, gerne tun. Er trat sogar mit 18 Jahren der CDU im Ortsverband Tübingen bei. Eine Kandidatur auf Platz 42 der Liste blieb bei den Gemeinderatswahlen 2004 ohne Erfolg. Seine Vorstellungen von Bürgerrechten und Freiheit fand er nicht wieder in der Partei. Daher trat er bald wieder aus. Sebastian Nerz ist also keineswegs als der Prototyp des Systemveränderers gestartet, aber inzwischen will er genau das: das politische System verändern, zumindest die Praxis der Entscheidungsfindungen im politischen Alltag.

          Nachdem er die CDU verlassen hatte, wurde der Pirat in Sebastian Nerz wach. 2009 trat er der Partei bei. Sein Aufstieg verlief rasant: Beisitzer im Bezirksverband Tübingen, Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Landespolitik im Landesverband Baden-Württemberg, dann dessen Vorsitzender und im vergangenen Mai Bundesvorsitzender der Piraten.

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