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Der Stille im Vatikan : Ein Besuch bei Vater Benedikt

  • -Aktualisiert am

Hinter großen Fenstern in hellen Räumen: Das Kloster Mater Ecclesiae ist Joseph Ratzingers neue Heimat in der Vatikanstadt Bild: Imago

Er trägt noch immer das weiße Papstgewand. Aber die roten Schuhe hat er gegen braune Sandalen über weißen Strümpfen getauscht.

          Kaum hat Vater Benedikt auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer Platz genommen, sagt er, es sei „völliger Unsinn“, dass er sich in die Debatte der letzten Bischofssynode um die Zulassung von Geschiedenen zur Kommunion eingemischt habe. Vielmehr sei es so: „Ich versuche, so still zu sein wie nur möglich.“

          Der 87 Jahre alte Papst-Emeritus lebt abgeschieden im Kloster Mater Ecclesiae, einem aus den neunziger Jahren stammenden und für ihn renovierten Haus. Hinter großen Fenstern, in hellen Räumen, umgeben von Rosen und Weinreben. Von seinem Wohnzimmerfenster aus sieht Vater Benedikt hinter dem frühwinterlich gefärbten Laub die Kuppel des Petersdoms.

          Seit seinem Amtsverzicht Ende Februar 2013 ging er nur dreimal in die Öffentlichkeit

          Seit seinem Amtsverzicht Ende Februar 2013 kam er nur dreimal aus dieser Klausur heraus in die Öffentlichkeit, und das auf Einladung von Nachfolger Franziskus; so neulich zur Seligsprechung von Papst Paul VI. vor dem Petersdom. Benedikt genießt die Abkehr und Ruhe. Er erscheint wieder kräftiger als beim Abschied aus dem Amt und in den Monaten danach. Im Haus braucht er keinen Stock.

          Er geht zwar langsam und ein wenig gebückt; aber seine Augen blitzen, und schlagfertig antwortet er in seinem bayerisch gefärbten Tonfall. Er trägt noch immer das weiße Papstgewand, aber die roten Schuhe hat er gegen braune Ledersandalen über weißen warmen Strümpfen eingetauscht.

          Er will nicht als Nebenpapst gesehen werden

          Trotz seiner Abgeschiedenheit erhält der Altpapst immer wieder Besuch. Vor allem Bischöfe wollen zu ihm, aber auch sein Verleger Manuel Herder, der jederzeit zu ihm gelassen wird, alte Freunde aus Bayern – und offenbar ist Benedikt auch häufiger mit Papst Franziskus in Verbindung, als bekannt wird. Benedikt sagt dazu nur: „Wir haben einen sehr guten Kontakt.“ Er möchte seinen Nachfolger nicht in den Schatten stellen, der „doch von so starker Präsenz ist, wie ich es selbst körperlich und psychisch bei meinen schwachen Kräften nie sein konnte“.

          „Wir haben einen sehr guten Kontakt“ - Benedikt und Papst Franziskus im September 2014

          Mittlerweile sei bei den Gläubigen auch völlig klar, „wer der wahre Papst ist“, setzt Benedikt fort und bedauert, dass es ihm nicht gelang, sich auch von der Anrede her deutlicher vom regierenden Papst abzusetzen. Er habe gewollt, dass man ihn seit seinem Rücktritt „Vater Benedikt“ nennt oder „Padre Benedetto“, aber er sei damals zu schwach und müde gewesen, um das durchzusetzen. Ob man das schreiben dürfe? „Ja, machen Sie das; vielleicht hilft’s.“

          Journalisten lässt Benedikt gemeinhin nicht herein, und wenn, zu Höflichkeitsbesuchen. Aber diesmal diktiert er seinem Besucher geradezu ins Blatt und bittet auch zweimal, dies und jenes nicht zu schreiben. Ihm ist wichtig, dass man draußen erfährt, dass er nicht als Nebenpapst gesehen werden will, der in Kirchendebatten womöglich sogar gegen Franziskus Position bezieht.

          Die Liebe der Kirche auch für „Wiederverheiratete“

          Vielleicht beharrt er so darauf, weil nun „Band vier“ seiner Gesammelten Schriften auf den Markt kommt, in dem sein Aufsatz „Zur Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe“ von 1972 nachgedruckt wird. Dafür hat Vater Benedikt die Schlussfolgerungen „völlig neu überarbeitet“. Im Aufsatz hatte er noch geschrieben, in bestimmten Fällen sei die Zulassung zur Kommunion von Menschen in zweiter Ehe „von der Tradition“ gedeckt. Nun beteuert Benedikt die „Unmöglichkeit“ für wiederverheiratete Geschiedene, am Abendmahl teilzunehmen.

          Aber es sei doch „Unsinn“, dass er damit in die aktuelle Auseinandersetzung eingreifen wollte, sagt Vater Benedikt noch einmal. Er habe den Text schon im August, also Monate vor Beginn der Synode verfasst, und da steht „nichts Neues“ drin; nur das, was Papst Johannes Paul II. „damals“ vertrat und „ich als Präfekt der Glaubenskongregation viel drastischer schon geschrieben habe“.

          Benedikt will weiterhin nicht an der Unauflöslichkeit einer sakramental geschlossenen Ehe rütteln. Die Lehre soll unangetastet bleiben; aber ihm ist wichtig, dass den geschiedenen Wiederverheirateten in der religiösen Praxis geholfen wird, um ihnen „nicht mehr als unbedingt nötig aufzuerlegen“. Er zitiert dafür das Apostolische Schreiben „Familiaris consortio“ von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1981, in dem eine Pastoral gefordert wird, die wiederverheiratete Geschiedene nicht ausschließt, sondern „die Liebe der Kirche wirklich spüren“ lässt.

          Auch sollten solche Paare in kirchlichen Gremien mittun und Paten werden können, schreibt Vater Benedikt in seinen neuen Schlussfolgerungen am Ende des Beitrags von 1972, wie er jetzt im vierten Band der Gesammelten Schriften erscheint; ein dickes Buch von 700 Seiten ist daraus geworden, und Benedikt mokiert sich gegenüber dem Besucher darüber, dass wohl niemand in dem dicken Band just jene Sätze gesucht hätte, „wenn es nicht Leute gäbe, die was finden wollten“.

          Die Last eines Amtes

          Sanft scheint die Wintersonne durch Fenster und Gardine auf das weiße Haar Benedikts und auf sein ebenfalls weißes Sofa in der Sitzecke mit Teetisch. An der Längswand steht ein Teil der päpstlichen Bibliothek. Und der große Fernseher, denn Benedikt sieht abends gerne die italienischen Nachrichten und bisweilen auch einen Film. Gemälde mit geistlichen Themen schmücken die weißen Wände, auch ein Kruzifix hängt dort. Er müsse dem „lieben Gott sehr dankbar sein“, dass er noch so gut beieinander ist.

          Er könne beten und lesen, denke nach, bereite für jeden Sonntag eine kleine Predigt vor; aber schreiben wolle er nicht mehr, sagt Benedikt und guckt auf seine Hände. Am rechten Ringfinger trägt er einen goldenen Bischofsring, den er einst von Paul VI. geschenkt bekam; um den Hals ein gold-silbernes Brustkreuz, wie er es während seines Pontifikats vielen Bischöfen geschenkt habe.

          Er könne mit Freunden reden und Freundschaften pflegen. Er sei so erleichtert, die Last seines Amts los zu sein: Er müsse keine Reden mehr halten, nicht mehr so viel reisen. Er hätte das alles nicht gekonnt. Im Amt zu bleiben, das „wäre nicht ehrlich gewesen“.

          Jesus war eben nicht nur ein Geist

          Auf dem Teetisch liegt ein Adventskranz; schon brennt eine Kerze und kündet von Weihnachten. Jenem Fest, das für Benedikt seit der Kindheit in Marktl in Oberbayern das schönste aller Feste im Kirchenjahr ist, auch wenn Ostern theologisch wichtiger sei. Er erinnert sich an das Glitzern von Schnee und Eis; an Gesänge und Orchestermusik, an die besondere Liturgie in der Messe. Wenn man im Westen zu Weihnachten die Fleischwerdung Gottes feiere, während die östlichen Kirchen mehr an die Epiphanie erinnern, an die Erscheinung des Herrn und Jesu Taufe im Jordan, dann sei damit dasselbe Mysterium, aber aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln angesprochen.

          Benedikt-Büste im Vatikan

          Für einen Augenblick bleiben Benedikts Gedanken im Heiligen Land, wo Jesus lebte und „sein Fußabdruck das Geheimnis der göttlichen Menschwerdung bekräftigt“. Natürlich müsse man nicht ins Heilige Land fahren, um den Heiligen Geist zu spüren, sagt Vater Benedikt. Aber Jesus war eben nicht nur Geist. Er ist datierbar, und „diese erdhafte Dimension ist doch für den gläubigen Menschen nützlich“.

          „Wo Gott ist – ist Zukunft“

          Die zugestandene halbe Stunde ist schon zu Ende. Es ist aber nicht Benedikt, der zum Abschied drängt, auch wenn man zu hören glaubt, dass in der Küche das Mittagessen vorbereitet wird. Vor dem Besucher liegt auf einem Silberteller eine Schatulle. Darin eine Bronzemedaille auf rotem Samt.

          Die Medaille zeigt das Porträt von Papst Benedikt XVI. vor der Kuppel von Sankt Peter; und zwei Erinnerungskarten mit dem Foto des Papstes finden sich da auch. Medaille und Karten wurden für die Kuba-Reise im März 2012 hergestellt: „Die können Sie haben, wenn Sie möchten; auch wenn man nicht unbedingt den Personenkult verstärken sollte“, sagt Benedikt mit schalkhaftem Lächeln, während er sich etwas mühsam erhebt und dann die Hand reicht.

          Vater Benedikt bleibt zurück. Der Besucher fährt per Lift einen Stock tiefer. In der Küche wird tatsächlich gearbeitet; schon ist im Esszimmer der Tisch für den Hausvater und seine Gemeinschaft gedeckt. An der Garderobe im Flur hängt Benedikts weiße Steppjacke. Nach dem Mittagessen wird er wohl kurz hinausgehen, um die Katzen zu füttern. Um vier Uhr folgt meist ein kleiner Spaziergang im Garten. Vor der Tür steht eine Holzbank aus Etzelsbach im Eichsfeld, wo Benedikt XVI. während seiner letzten Deutschland-Reise 2011 vor der Wallfahrtskapelle eine abendliche Marienvesper feierte. Die Bank trägt die Aufschrift: „Wo Gott ist – ist Zukunft“.

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