https://www.faz.net/-gpf-7x7e8

Der Stille im Vatikan : Ein Besuch bei Vater Benedikt

  • -Aktualisiert am

Auch sollten solche Paare in kirchlichen Gremien mittun und Paten werden können, schreibt Vater Benedikt in seinen neuen Schlussfolgerungen am Ende des Beitrags von 1972, wie er jetzt im vierten Band der Gesammelten Schriften erscheint; ein dickes Buch von 700 Seiten ist daraus geworden, und Benedikt mokiert sich gegenüber dem Besucher darüber, dass wohl niemand in dem dicken Band just jene Sätze gesucht hätte, „wenn es nicht Leute gäbe, die was finden wollten“.

Die Last eines Amtes

Sanft scheint die Wintersonne durch Fenster und Gardine auf das weiße Haar Benedikts und auf sein ebenfalls weißes Sofa in der Sitzecke mit Teetisch. An der Längswand steht ein Teil der päpstlichen Bibliothek. Und der große Fernseher, denn Benedikt sieht abends gerne die italienischen Nachrichten und bisweilen auch einen Film. Gemälde mit geistlichen Themen schmücken die weißen Wände, auch ein Kruzifix hängt dort. Er müsse dem „lieben Gott sehr dankbar sein“, dass er noch so gut beieinander ist.

Er könne beten und lesen, denke nach, bereite für jeden Sonntag eine kleine Predigt vor; aber schreiben wolle er nicht mehr, sagt Benedikt und guckt auf seine Hände. Am rechten Ringfinger trägt er einen goldenen Bischofsring, den er einst von Paul VI. geschenkt bekam; um den Hals ein gold-silbernes Brustkreuz, wie er es während seines Pontifikats vielen Bischöfen geschenkt habe.

Er könne mit Freunden reden und Freundschaften pflegen. Er sei so erleichtert, die Last seines Amts los zu sein: Er müsse keine Reden mehr halten, nicht mehr so viel reisen. Er hätte das alles nicht gekonnt. Im Amt zu bleiben, das „wäre nicht ehrlich gewesen“.

Jesus war eben nicht nur ein Geist

Auf dem Teetisch liegt ein Adventskranz; schon brennt eine Kerze und kündet von Weihnachten. Jenem Fest, das für Benedikt seit der Kindheit in Marktl in Oberbayern das schönste aller Feste im Kirchenjahr ist, auch wenn Ostern theologisch wichtiger sei. Er erinnert sich an das Glitzern von Schnee und Eis; an Gesänge und Orchestermusik, an die besondere Liturgie in der Messe. Wenn man im Westen zu Weihnachten die Fleischwerdung Gottes feiere, während die östlichen Kirchen mehr an die Epiphanie erinnern, an die Erscheinung des Herrn und Jesu Taufe im Jordan, dann sei damit dasselbe Mysterium, aber aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln angesprochen.

Benedikt-Büste im Vatikan

Für einen Augenblick bleiben Benedikts Gedanken im Heiligen Land, wo Jesus lebte und „sein Fußabdruck das Geheimnis der göttlichen Menschwerdung bekräftigt“. Natürlich müsse man nicht ins Heilige Land fahren, um den Heiligen Geist zu spüren, sagt Vater Benedikt. Aber Jesus war eben nicht nur Geist. Er ist datierbar, und „diese erdhafte Dimension ist doch für den gläubigen Menschen nützlich“.

„Wo Gott ist – ist Zukunft“

Die zugestandene halbe Stunde ist schon zu Ende. Es ist aber nicht Benedikt, der zum Abschied drängt, auch wenn man zu hören glaubt, dass in der Küche das Mittagessen vorbereitet wird. Vor dem Besucher liegt auf einem Silberteller eine Schatulle. Darin eine Bronzemedaille auf rotem Samt.

Die Medaille zeigt das Porträt von Papst Benedikt XVI. vor der Kuppel von Sankt Peter; und zwei Erinnerungskarten mit dem Foto des Papstes finden sich da auch. Medaille und Karten wurden für die Kuba-Reise im März 2012 hergestellt: „Die können Sie haben, wenn Sie möchten; auch wenn man nicht unbedingt den Personenkult verstärken sollte“, sagt Benedikt mit schalkhaftem Lächeln, während er sich etwas mühsam erhebt und dann die Hand reicht.

Vater Benedikt bleibt zurück. Der Besucher fährt per Lift einen Stock tiefer. In der Küche wird tatsächlich gearbeitet; schon ist im Esszimmer der Tisch für den Hausvater und seine Gemeinschaft gedeckt. An der Garderobe im Flur hängt Benedikts weiße Steppjacke. Nach dem Mittagessen wird er wohl kurz hinausgehen, um die Katzen zu füttern. Um vier Uhr folgt meist ein kleiner Spaziergang im Garten. Vor der Tür steht eine Holzbank aus Etzelsbach im Eichsfeld, wo Benedikt XVI. während seiner letzten Deutschland-Reise 2011 vor der Wallfahrtskapelle eine abendliche Marienvesper feierte. Die Bank trägt die Aufschrift: „Wo Gott ist – ist Zukunft“.

Weitere Themen

Benedikt widerspricht Franziskus

Konflikt um Zölibat : Benedikt widerspricht Franziskus

In einem Buch wendet sich der emeritierte Papst Benedikt deutlich gegen jegliche Aufweichung des Zölibats für katholische Priester. Damit eröffnet sich für Papst Franziskus, der schon genug Probleme hat, eine neue Front.

„nationale Schande“ der Republikaner Video-Seite öffnen

Streit zum Auftakt : „nationale Schande“ der Republikaner

Mit heftigem Streit über die Verfahrensregeln hat der US-Senat seine Debatte im Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump begonnen. Die Demokraten bezeichnen das Vorgehen der Republikaner als "nationale Schande", „lächerlich“ und „gefährlich“ für das Land.

Topmeldungen

Das Gefangenenlager der Vereinigten Staaten in Guantánamo auf Kuba (Archivbild)

Erfinder des Waterboarding : „Ich würde es wieder tun“

Der Psychologe James Mitchell hat die Folter des Waterboarding mitentwickelt und an Gefangenen angewandt. In einer Anhörung vor einem Militärgericht zeigte Mitchell keine Reue – er findet: Andere hätten die Grenzen überschritten.
Ein Graffito in Beethovens Heimatstadt Bonn zeigt den nimmermüden Komponisten bei der Arbeit am Klavier.

Ludwig van Beethoven : Der Musikunternehmer

Der Bonner Komponist war ein Pionier. Er hat die Regeln der Musik seiner Zeit stark verändert, den harmonischen Kosmos erweitert und ihre Vermarktung revolutioniert. So wurde er zum ersten Superstar der Musikgeschichte.
Donald Trump verfolgt auch in Davos entschlossen seine Interessenpolitik.

Auf dem Treffen in Davos : Trump droht der Europäischen Union

Nachdem der Handelskonflikt mit China vorübergehend beruhigt wurde, erinnert der amerikanische Präsident an die offene Rechnung mit Europa. In Davos fordert er seine Gesprächspartner auf, offen für einen „Deal“ zu sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.