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Bundestagsabgeordnete : Die ganz linken Linken

Wolfgang Gehrcke, die Vatergestalt der Alt-Kader von der DKP Bild: Röth, Frank

Sie schmähen Gauck, schwärmen für Castro, verteidigen Putin, predigen Klassenkampf. Kann man mit diesen Abgeordneten regieren? Vier Protagonisten der radikalen Linken im Porträt.

          7 Min.

          Sie kämpfen für die Revolution, wollen das System verändern. Den Kapitalismus wollen sie abschaffen und die Banken verstaatlichen. Sie schmähen den Bundespräsidenten und verteidigen Wladimir Putin. Und sie sitzen im Bundestag. Es sind die Linken unter den Linken. Manche nennen sie die Verrückten. Sicher ist: Sie sind ein Albtraum. Nicht von Volker Kauder, sondern von Gregor Gysi. Denn der will seine Partei zu der Einsicht bringen, dass sie als etablierte politische Kraft in Zukunft regieren muss. Aber die Radikalen in seiner Fraktion, geschätzt rund ein Drittel der 64 Abgeordneten, sind dagegen. Könnte die Linkspartei dennoch regieren, wenn sich die Chance dazu bieten sollte? Und wie ernst meinen es die linken Linken mit ihrem Radikalismus? Machen wir uns auf die Suche.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Wolfgang Gehrcke, ein weißhaariger Mann von 70 Jahren, ist die Vatergestalt der Alt-Kader von der DKP. Heute ist er stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Und ein wandelndes Lexikon der kommunistischen Arbeiterbewegung. Gehrcke kannte Erich Honecker („Ich glaube, er mochte mich“) ebenso wie die Guerillaführer in El Salvador. Gern erzählt er davon, wie er als junger Funktionär der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend in Kuba nachts um vier aus dem Bett geholt wurde. Man brachte die Delegation zu einem Vorstadtkino in Havanna, in dem Fidel Castro gerade Wildwestfilme ansah. „Er hat dann eine halbe Stunde mit uns herumgealbert.“ Sein Traum ist es, den Máximo Líder noch einmal zu sehen, schwach und im Trainingsanzug.

          Gehrcke will gleichzeitig zum Establishment gehören

          Auch an die Zeit in der Schule der Kommunistischen Internationalen in Moskau erinnert sich Gehrcke, Ende der siebziger Jahre war das. Im Komintern-Archiv las er damals die Briefe inhaftierter deutscher Kommunisten an Stalin aus den Jahren des Großen Terrors. „Sie waren alle nach einem Muster verfasst: Alle anderen sind Verräter, nur bei mir hat man sich geirrt.“ Kann man danach noch Kommunist sein? Ja, sagt Gehrke. Kommunist sei er heute „stärker denn je“. Gerade war er wieder in Moskau, hat an einer interparlamentarischen Konferenz der Duma teilgenommen, sich mit zwei Mitgliedern der Kommunistischen Partei getroffen. Interessante Leute, sagt Gehrcke. „Die Linke hat in Moskau einen guten Ruf, das müssen wir nutzen.“

          So links Gehrcke sich auch gibt, er möchte gleichzeitig zum Establishment gehören. Mit deutschen Außenministern versteht er sich von jeher meist gut. Bundespräsident Joachim Gauck nennt er hingegen eine „komplette Fehlbesetzung“ – der sei „rundweg ein Versager“. Von Johannes Rau, dem bislang letzten Bundespräsidenten aus der SPD, hingegen habe er viel gehalten. „Er hat mich ins Präsidialamt eingeladen und auch mal einen Schnaps mit mir getrunken.“ Gehrke gilt in Partei und Fraktion als überaus flexibel. Im Fraktionsvorstand stimmt er so ab, im Arbeitskreis anders, in der Fraktion ändert er seine Meinung dann wieder. Die militärische Beobachtermission Unifil im Libanon heißt er gut, kurz darauf verdammt er alle Militäreinsätze. Gehrcke fühlt sofort, wo die Mehrheit ist. In der Fraktion heißt es: Er wäre der entschiedenste Befürworter der Regierungspolitik, wenn die Linke einmal regieren würde.

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