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Kanzlerin in der Flüchtlingskrise : Angela Merkel und die Kunst der Normalität

  • -Aktualisiert am

Deutsche Sprache, schwere Sprache: Mit dem Konterfei von Angela Merkel werden Migranten an das ihnen fremde Idiom herangeführt. Bild: dpa

Eine der Erfahrungen der Bundeskanzlerin ist, dass kleine Probleme groß werden, wenn man keine großen Probleme hat. Und dass man in Zeiten von Panik Ruhe verströmen muss. Das gelingt ihr auch in der Flüchtlingskrise – noch.

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          Stunden bevor sich Angela Merkel am 4. September in das Geschehen fügte und Geschichte machte, hatte sie Termine in Bayern. Besuch einer technikorientierten Schule. Besuch eines Start-up-Unternehmens. Sie hatte Termine in Nordrhein-Westfalen. Oberbürgermeisterwahlkampf in Essen. 70-Jahr-Feier der Landes-CDU in Köln. Nette Worte an die große Anzahl von Grünen-Politikern („Teil der Festversammlung, was mich freut“), einen Fototermin mit der gemeinsamen grün-schwarz-gelben Kandidatin, Erinnerungen an Konrad Adenauer. Auffällig bloß: Mit dabei war Bernhard Kotsch, der stellvertretende Leiter des Kanzlerbüros und der verschwiegenste aller ihrer verschwiegenen Mitarbeiter. Kotsch hat dafür zu sorgen, dass bei auswärtigen Terminen die „Chefin“ auf dem Laufenden gehalten wird.

          Merkel schätzt verschwiegene Mitarbeiter. Sie selbst ist, wenn es ernst wird, verschlossen wie eine Auster. An jenem Freitag hat sie sich nicht anmerken lassen, was kommen werde. Ein nettes Lächeln für die Gastgeber. Ein Blumengebinde. Merkel weiß, dass die eigene Partei gepflegt werden muss. Sie ist ihr die Basis aller Macht und erscheine die Vorsitzende noch so unantastbar und unersetzlich. Eine Kanzlerin kann sich auch in schwierigen Zeiten nicht allein in der Außenpolitik ergehen. Wenig später telefonierte sie mit Werner Faymann. Es gab eine Absprache: Die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan dürfen nach Deutschland. Die Grenze war offen. Die Flüchtlinge kamen.

          Gewöhnlich neigt Merkel nicht zu einsamen Beschlüssen. Gewöhnlich ist Merkel konsensorientiert. Im Bundestag ist das zu beobachten. Wenn nicht gerade die Wichtigsten der Abgeordneten reden, begibt sich die Kanzlerin auf Wanderschaft. Hinten im Plenarsaal sitzt sie mit Volker Kauder, ihrem Fraktionsvorsitzenden. Oder plaudert mit geschätzten Freundinnen von den Grünen. Oder schaut zum Plausch bei Ministern vorbei. Mal ernst. Mal entspannt. Den Eindruck des Sich-Kümmerns sucht sie zu vermitteln. Für jeden ein Ohr und ein Wort. Die umsorgende Hirtin ihrer Herde. Alles wird gut.

          Vor nichts und niemandem Angst

          Aus welchen Gründen auch immer kam an jenem Freitag eine Absprache mit Horst Seehofer nicht zustande. Die Version gibt es, Seehofer, weil in Urlaub, sei nicht ans Telefon gegangen. Die andere lautet, der CSU-Vorsitzende sei verärgert gewesen, weil seine Staatskanzlei von Peter Altmaier, dem Chef des Bundeskanzleramtes, vor vollendete Tatsachen gestellt worden sei, und er habe deshalb das Gespräch verweigert. Am Samstag sprachen Seehofer und Merkel dann doch. Seehofer rief die Spitzen seiner Partei zur „Telefon-Schaltkonferenz“ zusammen. Einstimmiges Ergebnis: „Eine falsche Entscheidung des Bundes.“ Das Votum wurde umgehend der Zeitung „Bild am Sonntag“ übermittelt.

          Merkel lässt sich von solchen Dingen nicht beeindrucken. Jedenfalls sucht sie diesen Eindruck zu vermitteln. Vor nichts und niemandem habe sie Angst, wird erzählt. Außer vielleicht vor dem schwarzen Labrador Wladimir Putins, wie einst nahezu per Foto festgehalten wurde. Putin breitbeinig. Merkel in sorgenvoller Rücklage. Vielleicht hat sie auch Angst vor eigenem Versagen. Ganz am Anfang ihrer Karriere, in Bonn als Umweltministerin, soll sie im Bundeskabinett geweint haben. Mächtigere Minister der CDU und der FDP hatten ein Merkel-Vorhaben zu Fall gebracht. Merkel hat Konsequenzen gezogen. Wie es so ist bei Machtpolitikern der ersten Garnitur: gepanzertes Auftreten nach draußen. Was drinnen ist, geht niemanden etwas an. Nur manchmal entgleitet die Mimik. Doch auch die Kunst des Schauspielens beherrschen Politiker der ersten Garnitur: von jetzt auf gleich den Schalter umlegen, vom glamourösen Auftritt zum ganz schnellen Abgang.

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