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John Lewis & Martin Luther King : „Wir haben noch eine lange Strecke vor uns“

  • -Aktualisiert am

Ein Traum von Freiheit und Gerechtigkeit: Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington Bild: IMAGO

John Lewis stand am 28. August 1963 an Martin Luther Kings Seite, als dieser seine „I have a dream“-Rede hielt. Der Demokrat gilt heute als das „Gewissen des Kongresses“.

          10 Min.

          Dass John Lewis sich verspätet, kennen seine Mitarbeiter schon. Vor allem hier in Atlanta, wo der Abgeordnete seit fünfzig Jahren lebt, kann er kaum ein paar Schritte tun, ohne von Freunden oder Fremden erkannt, begrüßt, geherzt zu werden. Jedes Mal posiert John Lewis dann geduldig für Fotos, lädt nach Washington ein, lässt sich auch von gerührten schwarzen Mamas das Gesicht tätscheln. Heute allerdings hat seine verspätete Ankunft eine lästige Ursache. Der Dreiundsiebzigjährige ist auf dem Weg in sein Wahlkreisbüro im 19. Stockwerk eines Downtown-Hochhauses im Aufzug stecken geblieben. Als er endlich frei ist und im Büro auftaucht, wirkt er ein wenig angeschlagen.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Was ist schlimmer, Congressman Lewis - Aufzug oder Knast? Schon gewinnt der Demokrat, der in seinem Kampf gegen die Rassentrennung seit den fünfziger Jahren vierzig Mal und als Abgeordneter seit 1987 weitere vier Mal ins Gefängnis gesteckt wurde, seine Gelassenheit zurück. „Der Aufzug ist unangenehmer“, sagt er ruhig. „Da weiß man ja nicht, ob man je wieder herauskommt.“ Und man tut nichts für die gute Sache. Seit seinen Studententagen ist John Lewis seinem „Inspirator und Helden, Geistesverwandten und Freund“ Martin Luther King junior auf dem Pfad des gewaltfreien Widerstands gefolgt. Als Student in Nashville, Tennessee, trommelte er 1958 junge Leute für einen Workshop zusammen. Stundenlang haben sie einander in den Räumen einer Kirche beleidigt, bespuckt, an den Haaren gezogen oder zu Boden geworfen. Woche für Woche, Monat für Monat. Manchmal, wenn einer der wenigen weißen Mitstreiter dran war, sich als „Nigger“ demütigen zu lassen, mussten alle lachen. Aber meistens war es ein diszipliniertes Training in der Kunst des Niemalszurückschlagens. Einige haben es nicht hinbekommen, nicht einmal im Rollenspiel, und verließen die Gruppe im Zorn. John Lewis und viele Freunde aber blieben bei der Sache und bändigten ihre Wut. Nach gut einem Jahr sahen sie sich dafür gerüstet, dem wahren Mob entgegenzutreten.

          „Wir waren die Freedom Riders“

          Sie mussten ihn nicht lange suchen. In gemischten Gruppen gingen die Studenten in die Kaufhäuser von Nashville. Zielstrebig nahmen die Aktivisten an den Lunch-Theken Platz, die für Farbige tabu waren. Nie wurden sie bedient, oft wurde das Restaurant einfach dichtgemacht. Meistens wurden sie von weißen Gästen und überforderten Kellnerinnen angefeindet, oft bespuckt oder geschlagen. John Lewis und seine Mitstreiter aber saßen nur da, lasen ein Buch, erledigten ihre Hausaufgaben fürs College oder starrten ins Leere. Sie hielten sich an die zehn Gebote der Bewegung: Im Falle einer Attacke weder schimpfen noch zurückschlagen, niemals laut lachen, nicht mit Passanten reden, nur mit Genehmigung des Gruppenleiters den Platz verlassen, keine Gänge blockieren, immer höflich bleiben, gerade sitzen, Zwischenfälle dem Gruppenleiter melden, Fragesteller an den Gruppenleiter verweisen und vor allem: immer die Lehren von Jesus Christus, Mahatma Gandhi und Martin Luther King im Sinn behalten.

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