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Jean-Claude Trichet : Auf Europas Spuren

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: Der Euro als Krönung des europäischen Gedankens Bild: dapd

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, hat für seine Verdienste um die Stabilisierung des Euroraums den Aachener Karlspreis erhalten. Die europäische Integration betrachtet er als die Verwirklichung einer Idee, die er bis in die Antike zurückzuführen vermag.

          Europa ist für Jean-Claude Trichet seit Jahrzehnten eine Passion gewesen, mittlerweile aber wohl auch zu einem Leiden geworden. Der diesjährige Träger des Internationalen Karlspreises zu Aachen und Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat, wie viele Franzosen seiner Generation, das Projekt Europa zunächst einmal als den deutsch-französischen Interessenausgleich nach dem Zweiten Weltkrieg begriffen.

          Die dauerhafte Einbindung Deutschlands in den Westen bei gleichzeitiger Wahrung eines Machtgleichgewichts zwischen Frankreich und Deutschland hat Trichet immer als die Ratio europäischer Politik verstanden, und sein jahrzehntelanges Wirken in der französischen Verwaltung und in Zentralbanken diente nicht zuletzt dem Zweck, ein wirtschaftliches Zurückfallen Frankreichs zu verhindern. Die französischen Interessen vertrat Trichet unter anderem in den Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht.

          Mehr als ein reiner Vernunfteuropäer

          Es wäre jedoch unzutreffend, den im Jahre 1942 in Lyon geborenen Franzosen als einen reinen Vernunfteuropäer mit der Trikolore im Handgepäck zu verstehen. Aus dem französischen Bildungsbürgertum stammend, ist Trichet auf beeindruckende Weise in europäischer Geschichte, Literatur und Musik bewandert.

          Die europäische Integration bis hin zur gemeinsamen Währung betrachtet er als die Verwirklichung einer Idee, die er bis in die Antike zurückzuführen vermag. Griechenland ist für ihn bis heute auch das Land von Homer, Sokrates und Aristoteles und nicht alleine der hoch verschuldete und über Jahrzehnte schlecht regierte Staat der Neuzeit.

          Deutschland hat sich Trichet unter anderem über seine Liebe zur Literatur erschlossen. In den neunziger Jahren präsentierte er Besuchern gerne einen Bücherschrank in seinem Büro in der Bank von Frankreich, in dem französische Ausgaben der Werke von Heinrich Heine und anderen deutschen Dichtern standen. Mittlerweile liest er Goethe und Heine in deutscher Sprache.

          Trichet hat als Präsident der Europäischen Zentralbank Deutschland und die Deutschen gut kennengelernt. Wenn ihn etwas bis heute an ihnen irritiert, dann ist es die für Ausländer schwer zu verstehende Fähigkeit der Deutschen, kollektive Angstgefühle zu entwickeln.

          Der Euro als Krönung des europäischen Gedankens

          Trichet erhält den Karlspreis für Verdienste um die Stabilisierung des Euroraums in der Finanzkrise. Unbestritten ist, dass der Euro für Trichet eine Krönung des europäischen Gedankens darstellt und daher unbedingt verteidigt werden muss. Nicht zu bestreiten ist aber auch, dass Trichet die Europäische Zentralbank zwar recht souverän durch die ersten Jahre der Krise führte, sich und seine Institution mittlerweile aber angreifbar gemacht hat.

          Seit der Entscheidung vor gut einem Jahr, Staatsanleihen aus angeschlagenen Ländern wie Griechenland zu kaufen, hat Trichet vor allem in Deutschland an Ansehen und zuletzt auch an Souveränität verloren. Das Europa der Gegenwart wird nicht von jenem Hauch der Antike umweht, auf dessen Spurensuche sich Trichet in seinen Mußestunden begibt.

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