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Im Porträt: Ahmet Davutoglu : Politik der strategischen Tiefe

  • -Aktualisiert am

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu Bild: REUTERS

Das neue Selbstbewusstsein der Türkei hängt eng mit seinem Führungspersonal zusammen. Außenminister Ahmet Davutoglu gilt als enger Vertrauter von Ministerpräsident Erdogan. Das Wort vom „Neo-Osmanismus“ hört er nicht gerne.

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          Wann und wie die Krise enden wird, ist völlig ungewiss: Das Verhältnis zwischen der Türkei und Israel, das noch vor einiger Zeit von Zusammenarbeit geprägt war, ist wegen der blutigen Ereignisse auf dem türkischen Gaza-Hilfsschiff „Mavi Marmara“ im vergangenen Jahr zutiefst gestört. Damals waren bei einer Militäraktion Israels gegen dieses Schiff neun Türken getötet worden. Ankara will eine Entschuldigung, die Jerusalem jedoch verweigert. Nun schikaniert man wechselseitig Reisende an den Flughäfen.

          Das neue „Selbstbewusstsein“ der Türkei hat nicht nur mit ihrer unverändert wichtigen geographischen Lage zu tun, sondern auch mit dem Führungspersonal: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Außenminister Ahmet Davutoglu. Beide sind jetzt diplomatisch gefragt, um die Krise im Zusammenspiel mit Israel zu bereinigen.

          Ankaras Hartnäckigkeit gründet unter anderem in einer neuen Vision der Türkei von sich selbst: Man sieht sich zumindest als Regionalmacht (wenn nicht mehr) und verfolgt eine Politik der „strategischen Tiefe“ (stratejik derinlik). Die hat Davutoglu als Professor in einem Buch über die „internationale Stellung der Türkei“ entworfen und exekutiert sie, seitdem er Ali Babacan 2009 im Amt ablöste, im Namen seines Herrn. Gemeint ist damit eine Diversifizierung der türkischen Außenpolitik, die nicht mehr nur nach Westen blickt, sondern auch die muslimischen Nachbarn wieder stärker einbezieht. Irgendwie knüpft diese Politik an das Erbe des Osmanischen Reiches an, das einst auf drei Kontinenten herrschte, obwohl Davutoglu den Begriff eines „Neo-Osmanismus“ nicht gerne hört. Der sei eine Erfindung der Amerikaner, die mit ihr eben nicht einverstanden seien.

          Islamischer Calvinismus

          Schon viele Jahre zuvor galt Davutoglu, 1959 in Taskent in der Provinz Konya geboren, als wichtigster außenpolitischer Berater Erdogans, mit dessen islamisch-konservativer AKP seit 2002 eine neue Elite die Türkei regiert: fromme Anatolier und städtische Kleinbürger, die sich mit Fleiß und Beharrlichkeit hochgearbeitet haben. Man spricht von einem „islamischen Calvinismus“. Davutoglus Heimatprovinz Konya gilt - wie Kayseri - als Hochburg der AKP. Der Politikwissenschaftler studierte an der Istanbuler Bogaziçi-Universität. Spätere Stationen des Universitätslehrers waren die Marmara- und die Beykent-Universität, wo er das Institut für Internationale Beziehungen leitete.

          Davutoglu mag das Wort vom Neo-Osmanismus zwar nicht gerne hören, doch dass die von Historikern, Schriftstellern und anderen bewirkte allgemeine Renaissance des Osmanentums, das unter Republikgründer Kemal Atatürk 1923 in den Orkus der Geschichte hinabgestoßen worden war, sich auch in diesem Denken wiederfindet, ist so unverständlich nicht. Auch Davutoglu hat ein Buch über die „Osmanische Zivilisation“ publiziert. Die Frage war nur von Beginn an, ob sich die Türkei damit nicht übernehmen werde; und ob die Politik der „strategischen Tiefe“ von Erfolg gekrönt sein könne. In Iran, Syrien und Palästina hat sie bisher wenig bis nichts erreicht, auf dem Balkan war sie erfolgreicher.

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