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Griechenlands vergrabene Stadt : Die Sternstunde von Vergina

Das Grab des ermordeten makedonischen Königs Philipp II. Die Ausgrabungsstätten von Vergina zählen seit 1996 zum Unesco Weltkulturerbe Bild: mauritius images

Als Herr Katsigianopoulos noch ein Junge war, fand er eine alte Münze. Er gab sie Herrn Andronikos, dem Archäologen. Der buddelte nach der Hauptstadt Makedoniens und fand das Grab Philipp II.

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          Manolis Andronikos muss ein Besessener gewesen sein. Die anderen Archäologen haben ihn verlacht und verspottet, aber er ließ sich nicht beirren. Er glaubte fest daran, dass unter jenem Hügel in dem nordgriechischen Dorf Vergina etwas Bedeutendes zu finden sein müsse. Denn das erst 1922 von griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien gegründete Dorf (ein orthodoxer Bischof hatte es auf den Namen Vergina getauft), stehe möglicherweise auf den Ruinen der antiken makedonischen Hauptstadt Aigai - und wenn diese Vermutung korrekt sei, dann könne der Hügel am Rande des Ortes ein Grab mit bedeutenden Schätzen enthalten. Die anderen Wissenschaftler spotteten über solche Ideen, weil die herrschende Forschermeinung Aigai im Gebiet der zentralmakedonischen Stadt Edessa verortete.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          So hatte es der römische Geschichtsschreiber Justinus geschrieben, so galt es als ausgemacht. Nur der britische Historiker Nicholas Hammond, der im Zweiten Weltkrieg hinter den deutschen Linien als Verbindungsoffizier zu den griechischen Partisanen eingesetzt war und die Region gut kannte, vertrat dieselbe Ansicht wie Andronikos. Doch die griechischen Altertumsforscher nahmen die Ideen von Hammond und Andronikos nicht ernst. „Manolakis (der kleine Manolis) und seine Hügel“, das war eine Art running gag in der Zunft. „Hügel-Manolis“ nannten sie den kinderlosen, ganz seinen Forschungen ergebenen Professor, der an der Aristoteles-Universität Thessaloniki klassische Archäologie unterrichtete, wenn er nicht Sponsoren für sein Grabungsvorhaben zu gewinnen versuchte. Lange sah es so aus, als werde Hügel-Manolis als archäologischer Don Quijote enden.

          “Reden wir besser nicht darüber“

          „Das ist gar nichts“, sagt Kostas Katsigianopoulos. Von der Terrasse seiner Pension kann er den Parkplatz sehen, auf dem die Touristenbusse der Ausflügler parken. Etwa zwanzig Busse sind heute nach Vergina gekommen, der Parkplatz bietet aber Platz für hundert, und wenn Herr Katsigianopoulos nicht übertreibt, dann hat selbst das bis vor wenigen Jahren nicht gereicht. „Von 2007 bis 2009 lief es gut, ab 2010 ging es bergab, 2011 war noch schlechter.“ Und 2012? Herr Katsigianopoulos macht eine Handbewegung, die wohl bedeuten soll: Reden wir besser nicht darüber. Immer weniger Griechen leisten sich einen Ausflug nach Vergina. Schulausflüge werden gestrichen, weil die Eltern sie nicht bezahlen können. Dabei hatten viele gedacht, es werde immer weiter aufwärts gehen mit dem Ort. Schließlich war es jahrelang aufwärts gegangen.

          Wie weit Vergina es gebracht hat in nur einem halben Menschenleben, wird an der Geschichte mit der Münze deutlich. Herr Katsigianopoulos war noch ein Junge damals und Vergina ein Dorf wie viele andere in Nordgriechenland. Es war irgendwann Mitte der sechziger Jahre, er war elf Jahre alt oder zwölf, und er hütete Schafe. Ein starker Regenguss war über Vergina niedergegangen und hatte an einem Abhang am Rande des Dorfes Erde weggeschwemmt. Als die Sonne wieder schien, sah der Junge etwas blinken auf dem Boden - eine Münze.

          Aber nicht so eine, mit der man im Dorfladen etwas bezahlen konnte, das erkannte der Junge gleich. Sie war nicht so rund und glatt wie die anderen Münzen. Die Bauern von Vergina fanden oft solche Geldstücke bei der Feldarbeit, und sie gaben sie dann Herrn Andronikos, der in einem Bauernhaus am Rande des Ortes ein Zimmer gemietet hatte und sich mit Dingen beschäftigte, die man nicht so recht verstand im Dorf. Er grub den Boden um, aber nur ganz langsam. Als sei die Erde Gold. Heute lebt das halbe Dorf von dem, was der Professor dabei gefunden hat. Nur Münzen werden nicht mehr so oft gefunden in Vergina. Weil die Kinder nicht mehr Schafe hüten, sondern Playstation spielen.

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