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Gerhard Schröder zum 70. : Wille zur Macht

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Einstiger Medienkanzler: Im heutigen Büro Unter den Linden (2012) Bild: Gyarmaty, Jens

Er ist ein ganzer Kerl, der gerne provozierte. Oft stand er mit dem Rücken zur Wand, setzte sich aber durch. Könnte einer wie er heute noch Bundeskanzler werden? Zum 70. Geburtstag von Gerhard Schröder.

          Gerhard Schröder hatte das wichtigste Amt im Staate schon früh im Blick. „Dort drüben“ wolle er rein, sagte er als junger Bundestagsabgeordneter in Bonn. „Dort drüben“ lag das Kanzleramt – und dort residierte Helmut Kohl. Das Ziel im Auge wechselte Schröder 1986 in die niedersächsische Landespolitik – gegen den Willen von Willy Brandt übrigens. Er wurde Oppositionsführer und später dann Ministerpräsident, ehe er gegen Oskar Lafontaine und den Rest der SPD-Führung mit Erfolg um die Kanzlerkandidatur kämpfte. Heutzutage glauben Ministerpräsidenten kanzlerfähiger Parteien, das lasse sich nicht wiederholen. Berlin sei nicht Bonn. Von einer Landeshauptstadt aus lasse sich keine Bundespolitik mehr betreiben. Das Scheitern der Sozialdemokraten Matthias Platzeck (Potsdam) und Kurt Beck (Mainz) gilt als Beleg.

          Könnte ein Mann wie Gerhard Schröder heute Kanzler werden? Wie wenige sonst offenbarte Schröder seinen Willen zur Macht. Er sprach schlecht über Parteifreunde. Er präsentierte sich als ganzer Kerl in einer von Männern dominierten Politik. Er liebte (und liebt) provokante Sprüche – zur Irritation von Freund und Feind. Über Lehrer: „Faule Säcke.“ Über Peter Struck: „Organisator des Mittelmaßes.“ Über die Grünen: „Mehr Fischer – weniger Trittin.“ Über Wladimir Putin: „Lupenreiner Demokrat.“ Und überhaupt: „Basta.“ Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat kam von allen Spitzenpolitikern Schröder noch am nächsten. Steinbrück scheiterte – auch daran. Angela Merkel verkörpert den neuen Stil: nicht launisch, nicht frech, schon gar nicht überheblich, nicht unbedacht, mindestens dem Anschein nach immer an der Sache orientiert. Schröder aber war ein Machtmensch wie Helmut Kohl. Andere Zeiten heute.

          „Uneingeschränkte Solidarität mit den Vereinigten Staaten“

          Manche Küchenpsychologen erklären Schröders Ehrgeiz und Aufstiegswillen mit seiner Herkunft. Die Mutter: Putzhilfe. Der Vater: Hilfsarbeiter, gefallen im Krieg. Volksschule, Lehre, Hilfsarbeiter auf dem Bau. „Acker“, hat er später erzählt, sei er von seinen Fußballfreunden genannt worden. Mit 20 machte er die mittlere Reife, mit 22 das Abitur. Es folgte das Studium der Rechtswissenschaften. Zweites Staatsexamen dann mit 32. Einer wie Schröder hatte keine Zeit, mit Altersgenossen protestierend auf der Straße herumzulaufen oder sich mit Studentenpolitik („Sit in“) zu befassen. Er ging zu den Jungsozialisten. Die lernten rasch seinen Willen zur Macht und sein instrumentelles Verhältnis zu politischen Positionen kennen und fürchten. Die einen fanden ihn „links“. Die anderen nannten ihn „rechts“. Das Parteiestablishment warf ihm „Charakterlosigkeit“ vor. Schröder, gefördert vom Chef der Parteilinken Peter von Oertzen, verpuppte sich als Regierungschef in Hannover zum industriefreundlichen Pragmatiker. In der SPD-Bundespolitik bezwang er seine Konkurrenten – am Ende Rudolf Scharping und ganz am Ende auch sein einstiges Vorbild Oskar Lafontaine. Dem blieb 1998 nichts anderes übrig, als Schröder die Kanzlerkandidatur zu überlassen – nach dessen Sieg bei der niedersächsischen Landtagswahl in jenem Frühjahr, abermals mit absoluter Mehrheit. Es folgte ein Kampf um die „neue Mitte“ der Gesellschaft. Schröder löste Helmut Kohl ab. Den Altkanzler ließ Schröder ein paar Monate im „Kanzlerbungalow“ am Rhein wohnen. Die beiden blieben sich fremd.

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