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GDL-Chef im Porträt : Mensch, Weselsky

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky Bild: dpa, Bearbeitung F.A.S.

An diesem Freitag verhandelt die GDL wieder mit der Bahn - ein neuer Streik ist möglich. Mittendrin: Gewerkschaftschef Weselsky. Er gilt als Zugfresser, mit einem Auftreten wie ein Panzer und diktatorischem Führungsstil. Quatsch. Über einen, der sich nicht verbiegen lässt.

          Deutzer Bahnhof, nachmittags um fünf, ein paar hundert Leute warten auf den nächsten ICE nach Frankfurt. Claus Weselsky hat jetzt einen weiten Weg vor sich, er will ganz nach vorn, immer Richtung Lokomotive. Er hat den Nacken durchgestreckt, seine Augen fixieren das große weiße A auf blauem Grund, Gleisabschnitt A. Die Leute gucken auf, viele erkennen den Mann im hellen Trenchcoat: Das ist also der „Größen-Bahnsinnige“, der „Dämonen-Weselsky“, der „unsere Züge frisst“, wie ein Boulevardblatt ihn nannte. Manche zeigen mit dem Finger auf ihn, es geht ein Raunen über den Bahnsteig.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einmal dreht der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) den Kopf nach rechts; da stehen zwei wartende Zugbegleiter. Aber sie reagieren nicht, vielleicht sind sie bei der Konkurrenz von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), vielleicht sind sie auch einfach nur abgelenkt. Weselsky geht weiter, kontrolliert. Es ist eine kleine Mutprobe: Der Streikführer von gestern schreitet die Reihen der Pendler ab. Aber niemand fordert ihn heraus an diesem Nachmittag.

          Bis vor zwei Monaten konnte Claus Weselsky noch Bahn fahren wie jeder andere. Wenn ihn jemand erkannte, dann waren es die Mitglieder seiner Gewerkschaft, neben den Lokführern auch ein paar tausend Zugbegleiter. Sie grüßten höflich, das war’s. Dann spitzten sich die Tarifverhandlungen mit der Bahn zu, die GDL streikte, Weselsky tauchte von morgens bis abends im Fernsehen auf. Jetzt kennt ihn jeder.

          Unmensch „Chaos-Claus“

          Weselsky ist aber nicht bloß bekannt, er ist zur Unperson geworden. Kaum ein Politiker musste in den letzten Jahren ertragen, was dem Gewerkschaftschef widerfuhr. Erst trommelte die Bahn und verglich den GDL-Streik mit einem Amoklauf, dann machten immer mehr Medien mit. Aus Weselsky wurde „Chaos-Claus“. Dämme brachen, die sonst sogar der Boulevard respektiert. „Spiegel online“ verfolgte Weselsky bis ins Hotelzimmer, als er mal eine kurze Auszeit nahm.

          Sogar seine Zimmernummer wurde kurzzeitig veröffentlicht. „Bild“ forderte seine Leser auf, der GDL ordentlich die Meinung zu geigen, inklusive Telefonnummer des Chefbüros. „Focus Online“ veröffentlichte ein Bild seines Wohnhauses in Leipzig samt Hausnummer und ungefährer Ortsangabe. Immer ging es um dieselbe Story: Während die armen Mitarbeiter streiken müssen, lässt sich’s ihr Chef gutgehen.

          Ist es das alles wert?

          Natürlich war das Quatsch. Weselsky hat seinen Jahresurlaub wegen des Streiks gestrichen; an vielen Tagen bekam er nur ein paar Stunden Schlaf. In Leipzig wohnt er in einem verklinkerten Haus im Hof hinter der prächtigen Fassade, auf 61 Quadratmetern. Und am Stadtrand von Dresden besitzt er ein Häuschen, das er auf der Grundlage eines normalen Lokführergehalts finanziert hat. Weselsky fährt auch nicht Ferrari wie sein Vorgänger Manfred Schell, sondern einen A6 - als Dienstwagen.

          Trotzdem wurde die Familie zeitweise von Reportern und Kamerateams belagert. Es gab Stunden, in denen Weselsky sich fragte, ob es das alles noch wert sei - die Belagerung, die Schmähungen, die Belästigung seiner Familie. Sollte er den Krempel hinschmeißen und notfalls wieder Lok fahren, so wie am Anfang seiner Berufslaufbahn? Oder doch: Augen zu und durch? Er schickte seine Frau ins Hotel, rief die Polizei an und bat um Personenschutz für die Familie. Für sich selbst entschied er: weitermachen.

          Hardliner mit harten Zitaten

          Eine Kampagne bricht in sich zusammen, wenn jeder sieht, dass sie bloß erfunden ist. Aber Weselsky lieferte in einer Tour Bilder und Sätze, die das Image vom „Zugfresser“ verfestigten. Da war, Ende August schon, sein verstörender Satz: Wenn sich zwei Kranke ins Bett legten - gemeint waren die Bahn und die Konkurrenzgewerkschaft EVG -, komme „was Behindertes“ raus, ein schwacher Tarifvertrag. Dann die Ankündigung, man werde „durchstreiken bis zum Ende“ - als würde er auch über Leichen gehen. Schließlich noch sein Vorwurf, es werde eine „Pogromstimmung gegen die GDL“ entfacht. Hier und da wurden Streikende zwar angepöbelt, doch gewaltsam verfolgt wurden sie nirgends.

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