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GDL-Chef im Porträt : Mensch, Weselsky

Bis vor ein paar Wochen nahm kaum jemand Notiz davon. Doch seit Streikbeginn sind die „Aufständischen“ vielgefragte Interviewpartner. Was sie über Weselsky erzählen, passt zum Image des Zugfressers. Diktatorisch sei sein Führungsstil, manchmal heißt es gar: totalitär. Mitunter schwingt mit, bei einem aus der DDR müsse man sich ja nicht wundern.

Schell verglich seinen Nachfolger mit Mao und Assad. Kürzlich stellte einer aus der Gruppe bei einem Ortsverband einen Misstrauensantrag gegen den Gewerkschaftschef. Als Weselsky im Saal auftauchte, machte sich der Antragsteller schnell aus dem Staub. Niemand sonst unterstützte den Antrag.

Dafür lohnt es sich zu kämpfen

Claus Weselsky steht inzwischen im ICE-Bistro; es ist der Zug nach Frankfurt, den er in Köln-Deutz bestiegen hat. „Schön, dass ich Sie mal sehe“, sagt die Zugkellnerin, „sonst kenne ich Sie ja nur aus dem Fernsehen.“ Gegenüber steht eine Gruppe von jungen Leuten in schnieken Anzügen, Typ Unternehmensberater. Sie recken die Köpfe. Eine Dreiviertelstunde und einen grünen Tee später taucht eine Schaffnerin auf. Sie nimmt Haltung an, fast wie eine Soldatin, die Arme eng an den Körper gelegt. „Schön guten Abend, Herr Weselsky“, sagt die Frau, „wir drücken ganz dolle die Daumen, wir stehn uff de Seite.“

Weselsky lächelt. Es ist der Grund, warum er sich doch immer wieder in den Zug traut. Da trifft er seine Mitglieder und kriegt ein Gefühl dafür, ob sie noch streiken wollen oder die Geduld verlieren. Neulich stieg das gesamte Personal aus, als er den Zug verließ - und verabschiedete ihn mit nach oben gestrecktem Daumen.

Wenn das bloß eine Schafherde wäre, die dem Chef hinterhertrottet, wäre der Streik-Elan längst verflogen, glaubt Weselsky. Die Mitglieder seien bereit, etwas einzusetzen, weil sich ihre Arbeitssituation immer weiter verschlechtert habe. Da könne er doch nicht einknicken.

GDL als Präzedenzfall

Weselsky will sich nicht verbiegen lassen, auch wenn er sich bei Millionen Bahnfahrern unbeliebt macht. Seitdem sich die Bundesregierung in den Tarifkonflikt bei der Bahn eingemischt hat – mit dem Entwurf eines Tarifeinheitsgesetzes –, fühlt sich der Gewerkschafter erst recht zur Standhaftigkeit verpflichtet.

Für ihn ist das Ringen der GDL um einen Tarifvertrag nicht nur für Lokführer, sondern auch für Zugbegleiter und andere Berufsgruppen zum Präzedenzfall geworden: Setzen die kleinen Gewerkschaften ihr Recht durch, für alle Beschäftigten Tarifverträge zu schließen, oder unterwerfen sie sich den großen Gewerkschaften, die am meisten Mitglieder organisieren? Es geht, so sieht es der GDL-Chef, um die Existenz seiner Gewerkschaft.

Verhandlungen aus starker Position

Deshalb ist er gegenüber der Bahn hart geblieben – auch, als die den Streik erst verbieten und dann per Vergleich stoppen wollte. Weselsky wollte ein Urteil, und er bekam es: Das Landesarbeitsgericht Frankfurt bescheinigte ihm, dass der jüngste Streik rechtmäßig, angemessen und verhältnismäßig war.

Jetzt kann er aus einer Position der Stärke mit der Bahn verhandeln. Vor einer Woche hat sie ihm erstmals einen Vertrag für Lokführer und Zugbegleiter vorgelegt - ein erstes Zugeständnis. Als nächstes kämpft er für sein Recht, die mehr als 9000 weiteren Mitglieder in anderen Berufsgruppen zu vertreten. An diesem Freitag wird wieder verhandelt. Ein weiterer Streik: möglich.

Nichts sei einfacher, als aus der Wirbelsäule einen Gartenschlauch zu machen, sagt Weselsky, als er in Frankfurt aus dem ICE steigt und zur U-Bahn hetzt. Er hat sich für den schweren Weg entschieden.

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