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GDL-Chef im Porträt : Mensch, Weselsky

Weselsky war verletzt, innerlich getroffen. Er wehrte sich, indem er zurückkeilte - ohne Rücksicht auf Verluste. Wer ihn im Fernsehen sah, erlebte einen Mann unter Hochspannung. Im Kameralicht wurde sein Blick starr, die Gesichtszüge froren ein, seine Sätze knallten wie Gewehrsalven. Unbelehrbar - so kam er rüber. Unsympathisch.

Weselsky weiß das. Ein Vertrauter hat ihm gesagt: Du siehst immer aus wie ein Panzer! Inzwischen hat er einen Medienberater engagiert, um lockerer aufzutreten. Aber so leicht ist das nicht, wenn man Claus Weselsky heißt. Die harte Schale soll ja gerade vor Verletzungen schützen.

Der Privatmensch ganz nah

Eigentlich ist Weselsky ein sensibler Mensch. Eine Mutter schrieb ihm während des Streiks. Ihr Kind hatte sich so gefreut, den Vater nach vier Wochen wiederzusehen, doch dann fuhr kein Zug. Das ging ihm nahe; seine Stimme wird weich und sanft, wenn er davon erzählt. Familie ist ihm selbst wichtig. Nach einer Scheidung und einer gescheiterten Partnerschaft hat er wieder geheiratet. Seine Frau hat ihn in den letzten Wochen öfter aufgefangen. Sie machen zusammen Nordic Walking. So kriegt er den Kopf frei.

Wenn Weselsky sich entspannt, sitzt ein anderer Mensch vor einem. Er hat Humor und ein ansteckendes Lachen, es hechelt den Worten voraus. Er kann gut erzählen und redet, wie ihm das Mundwerk gewachsen ist, immer in gepflegtem Sächsisch. Will er mal aufs Klo, sagt er: „Ich muss mal biölögisch.“ Er spielt sich auch nicht auf oder gibt den großen Larry. Manchmal sagt er, ein Lokführer könne ja nicht alles verstehen.

Claus Weselsky, 1959 geboren, wuchs bei Dresden auf. Seine Eltern waren in der Partei. Die Mutter wollte, dass er studiert und Journalist wird. Als Arbeiterkind an die Universität - die Chance wäre da gewesen. Aber er wollte nicht so nah ran ans System und sich von anderen die Meinung vorgeben lassen, wie er heute sagt. Stattdessen träumte er davon, zur See zu fahren; er lernte Dieselmotorenschlosser. Nach dem ersten Lehrjahr wurde er für die Spezialisierung zum Lokführer ausgewählt. So kam er zur Deutschen Reichsbahn.

Vom Sinn für Gerechtigkeit getrieben

Es wäre ein guter Moment gewesen, in die Partei einzutreten. Denn für Mitglieder ging alles ein bisschen schneller, zum Beispiel die Beförderung. Weselsky beobachtete, wie Parteisekretäre in der Dresdner Markthalle mit Sondergenehmigung einkauften und kistenweise Ketchup horteten - um es später gegen eine Auspuffanlage am Wartburg zu tauschen.

Das kam ihm bigott vor: Wasser predigen, Wein saufen. Er trat nicht in die Partei ein und wartete ein paar Jahre länger, bis er Loks nicht nur rangieren, sondern auch fahren durfte. Es war seine Art, die DDR zu überstehen: mit innerer Distanz, aber ohne aktiv Widerstand zu leisten.

Als dann die Wende kam und die traditionsreiche Lokführergewerkschaft GDL einen Ost-Verband gründete, traten die Lokführer in Scharen ein. Ein Stück Freiheit nach Jahrzehnten Einheitsgewerkschaft. Weselsky leitete die Ortsgruppe in Pirna, 1992 fuhr er zum letzten Mal Lokomotive.

Danach war er Gewerkschaftsfunktionär, von 2002 an in der Frankfurter GDL-Zentrale. Der damalige Gewerkschaftschef Manfred Schell holte ihn an seine Seite und bereitete ihm den Weg an die Spitze. 2008 schied Schell aus. Er war CDU-Mitglied und Bundestagsabgeordneter gewesen. Weselsky trat auch ein: als Atheist und Wertkonservativer, wie er sagt. Enge Bindungen sind aber nicht daraus erwachsen.

Mao, Assad, ... Weselsky?

Mit Schell hat sich Weselsky inzwischen überworfen, beide sind einander spinnefeind. Im Frühjahr 2013 drängte der Dresdner seine beiden Stellvertreter aus dem Vorstand, einer hatte sich über das Amt finanzielle Vorteile verschafft. Weselsky kam das gelegen, denn Schell hatte über die Stellvertreter weiter Einfluss auf die Gewerkschaft genommen. Nach dem Eklat legte Schell wütend seinen Ehrenvorsitz nieder. Mit einem Häuflein Gleichgesinnter gründete er die „Initiative für Demokratie und Rechtstaatlichkeit in der GDL“.

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