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François Hollande : Der kleine Chirac von links

Zwanzig Jahre erbitterte Gegner, heute Schulter an Schulter: Hollande paradiert mit Chirac durch Tulle, die Hauptstadt des Departements Corrèze Bild: Agnès Gaudin

François Hollande will französischer Präsident werden. Er hat den Erfolg Jacques Chiracs genau studiert. Besiegt hat er ihn nie.

          Es geschah an einem Samstag im Juni 2011. In Jacques Chiracs Präsidenten-Museum auf den Hügeln der Corrèze wurde eine Ausstellung mit chinesischer Kunst eröffnet. Chirac war da, der chinesische Botschafter, sogar der stellvertretende Ministerpräsident. Außerdem François Hollande, der Präsident des Generalrats der Corrèze, der Departementsvertretung. Auf dem Weg ins Museum sprach Chirac mit einem Bekannten über die Präsidentenwahl im folgenden Jahr. „Ich schätze François sehr“, sagte er, Hollande an seiner Seite, „jetzt kann ich ja frei sprechen.“ Er sei die Zukunft, denn er werde kandidieren. Hollande wies ihn auf die Mikrofone und Kameras hin, die alles aufzeichneten. Doch Chirac wiederholte nur laut und vernehmlich, was er zuvor schon getuschelt hatte: „Ich kann sagen, dass ich Hollande wählen werde.“

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicolas Sarkozy soll vor Wut geschäumt haben, als er diese Szene in den Abendnachrichten sah: Sein Vorgänger empfiehlt vor laufenden Kameras nicht etwa ihn, den Amtsinhaber, sondern den sozialistischen Gegner! Ein Raunen ging durchs Land. Eilends versuchte Chirac, den Flurschaden zu begrenzen. Sein Kommentar zu Hollande sei „für die Corrèze typischer Humor unter Republikanern gewesen, die sich seit langem kennen“, teilte er mit. Parteigänger Sarkozys streuten noch eine andere Erklärung: Chirac sei ja schon recht alt und gebrechlich, da dürfe man nicht alles ernst nehmen, was er von sich gebe.

          Kann ein sozialistischer Kandidat mehr erreichen?

          Auch Hollande übte sich in Schadensbegrenzung. Als Chirac sprach, hatte er ihm noch zugehört mit dem stolzen Gesichtsausdruck des Abiturienten, der für seine guten Noten gelobt wird. Konnte ein sozialistischer Kandidat mehr erreichen als die Salbung durch den früheren Präsidenten und Gründer der bürgerlichen UMP? So mochte es ihm erschienen sein, bevor er die desaströse Wirkung auf seine Parteifreunde bedachte. Die sollten ihn ja erst einmal zum Kandidaten gegen die Bürgerlichen wählen. Also spielte er Chiracs Äußerung herunter: Der habe „mit einem Lächeln“ gesprochen und vor allem Sarkozy ärgern wollen.

          Der Sturm legte sich wieder. Hollande wurde der Kandidat der Sozialisten, wichtigster Gegner Sarkozys in der ersten Abstimmungsrunde am 22. April und voraussichtlich auch in der Stichwahl zwei Wochen später. Bernadette Chirac macht Wahlkampf für den Amtsinhaber, ihr Gatte schweigt. Als sie kürzlich zu dessen Haltung gefragt wurde, erwiderte sie schnippisch, sie könne nicht an seiner Stelle darauf antworten.

          Mit dem Fallschirm abgesprungen

          In der Corrèze zweifelt kaum jemand daran, dass Chirac vor einem Jahr gesagt hat, was er wirklich denkt. Den Menschen fällt auf, wie ähnlich Hollande dem Mann geworden ist, den er zwei Jahrzehnte lang erbittert bekämpft hat. Sie wissen aber auch, dass die Geschichte, mit der sich der Sozialist andernorts gerne anpreist, so nicht stimmt: dass er in ganz Frankreich vollbringen werde, was ihm in seiner politischen Heimat gelungen sei, nämlich die Rechte zu besiegen. Was der Hoffnungsträger der Sozialisten wirklich kann und was nicht, das zeigt sich nirgendwo so deutlich wie hier an den westlichen Ausläufern des Zentralmassivs, zwischen Kuhweiden, Sägewerken und dem Rathaus von Tulle.

          Drei Jahrzehnte ist es her, dass Hollande in der Corrèze gelandet ist. Mit dem Fallschirm abgesprungen, so nennen es die Franzosen, wenn ein Technokrat aus Paris plötzlich in der Provinz auftaucht, um einen Parlamentssitz zu erobern. In Wahrheit kam er 1981 mit dem Zug aus Paris. Er war 26 Jahre jung und Berater eines Beraters des frisch gewählten sozialistischen Präsidenten Mitterrand. Ein Aktivist wartete am Bahnhof von Limoges, bis alle Reisenden fort waren. Dann fuhr er den Mann, der übrig geblieben war, zu seiner ersten Bewährungsprobe, der Aufstellung im Wahlkreis Ussel.

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