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EZB-Präsident Mario Draghi : Herr im Haus - mächtig und verhasst

EZB-Präsident Mario Draghi, eingerahmt vom hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (l.) und dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann Bild: dpa

Die Blockupy-Demonstration richtete sich zwar nicht gegen den EZB-Präsidenten persönlich. Für viele Demonstranten aber ist Mario Draghi offenbar eine Symbolfigur für „den Kapitalismus“ und die „Austeritätspolitik“. Trotz seiner Machtfülle steckt der Römer in der Klemme.

          Mario Draghi hat am Mittwoch in feierlicher Pose ein blaues Bändchen durchtrennt und darf sich jetzt auch offiziell Hausherr des frisch eingeweihten Hauptsitzes der Europäischen Zentralbank (EZB) bezeichnen. Hätte es noch eines Symbols für die immense Macht des Notenbank-Präsidenten gebraucht: das wuchtige, fast 200 Meter in den Himmel ragende Gebäude ist es. Auch ohne den Neubau steht schon lange außer Frage: Draghi hat in Europa mehr zu sagen als die meisten Staats- und Regierungschefs, manche bezeichnen den Italiener als den mächtigsten Europäer.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Worte des Mannes, der seit Ende 2011 die EZB führt, bewegen Milliarden Euro. Mit seinen heute legendären Worten „Whatever it takes“ machte Draghi im Juli 2012 für jedermann deutlich, dass er mit seiner Institution alles Notwendige unternehmen werde, um die Gemeinschaftswährung Euro beisammen zu halten. „Und glauben Sie mir, es wird genug sein“, fügte er hinzu und verfehlte die gewünschte Wirkung nicht. Seitdem lockert Draghi die Geldpolitik.

          Sein bislang größter Coup: Vor knapp zwei Wochen startete die Zentralbank gegen den Widerstand der Bundesbank und anderer nationaler Notenbanken den Ankauf von Staatsanleihen im großen Stil. 60 Milliarden Euro pumpen Draghis Männer und Frauen Monat für Monat in den Markt – mit dem offiziellen Ziel, die Preisstabilität des Euro zu stützen.

          In der Klemme

          Trotz der Machtfülle steckt der frühere Jesuitenschüler, der 1947 in Rom geboren wurde, in der Klemme. Was immer er unternimmt, stramme Kritik ist ihm sicher. Draghi selbst hat dieses Dilemma am Mittwoch in seiner Einweihungsansprache zum Thema gemacht: Die einen verlangen immer noch mehr frisches Geld und rufen nach Solidarität in Europa. Die anderen bemängeln, Draghi habe seine Kompetenzen überschritten und missachte die Grenzen seines geldpolitischen Mandats. Die Blockupy-Demonstration richtete sich zwar nicht gegen Draghi persönlich. Für viele Demonstranten ist er aber offenbar ein Symbolfigur für „den Kapitalismus“, „die Europäische Zentralbank“, und „die Austeritätspolitik“.

          Draghi, der schon mit 15 Jahren seinen Vater verloren hat und Verantwortung in seiner Familie übernehmen musste, lässt sich bislang nicht anmerken, ob ihm die andauernde Kritik zu schaffen macht. Als sicher darf gelten, dass Draghi an seinem Kurs der expansiven Geldpolitik festhalten wird, solange er es für notwendig hält.

          In seinem Studium und seiner Dissertation am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat sich Draghi die Überzeugung zu eigen gemacht, dass Zentralbanken im Krisenfall eine aktive Rolle übernehmen sollten. Die Überzeugung begleitet ihn durch seine gesamte, die ihn durch das italienische Finanzministerium und die nationale Notenbank geführt hat, deren Gouverneur er später wurde. Zu Beginn des Jahrtausends arbeitete Draghi für die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs. Das brachte ihm Praxiserfahrungen ein, aber auch den Vorwurf der Kapitalismuskritiker, Handlanger der Investmentbanker zu sein.

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