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Eventisten : Die Berliner Tafel

Eine Veranstaltung des European Finance Forum im Januar 2012. Carpaccio vom Weiderind und gebratene Steinpilzschnecken locken Gäste, die die Vorträge nur dösend überstehen Bild: Gyarmaty, Jens

Wer es darauf anlegt, kann sich durchschlagen, ohne etwas für Essen und Trinken zu bezahlen. Man muss sich nur mit Empfängen und Vorträgen vertraut machen. Aus dem Leben eines „Eventisten“.

          9 Min.

          Essen will jeder, aber zahlen will keiner. Das sind die beiden großen Gemeinsamkeiten, die an diesem Abend ausnahmslos alle Gäste verbinden - die Wichtigen mit den Visitenkarten und die weniger Wichtigen wie den Herrn mit der markanten Brille. Das soufflierte Kalbsrückenmedaillon auf seinem Teller harmoniert prächtig mit dem 2009er Kallstadter Riesling. „Wir sind vor allem hier, weil es uns interessiert“, stellt er klar. Er nippt kurz an seinem Glas, dann fährt er fort: Richtig sei, das könne er nicht bestreiten, dass es hier im Raum durchaus „so zehn, fünfzehn, vielleicht auch zwanzig Leute“ gebe, die jedes Mal kämen. „Immer dieselben und immer als Erstes am Buffet“. Der Mann da, mit dem wild gemusterten Hemd, der gerade auf dem Weg zum Vorspeisenbuffet ist, das sei „einer von den Schlimmsten“.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Das Europäische Finanzforum hat heute Abend allerdings auch der Gruppe der „Schlimmsten“ nur das Beste anzubieten. Im Treppenhaus der prachtvollen Berliner Repräsentanz der Kreditanstalt für Wiederaufbau ist dem geladenen Publikum zunächst der Mantel abgenommen worden. Jeder Gast hat ein Namensschild ausgehändigt bekommen und durfte im Foyer zwischen einem Prosecco Macchiato und einem Cocktail aus frisch gepressten Fruchtsäften auswählen.

          Strategie und Routine

          Der Herr mit der markanten Brille und seine Frau machen es nicht anders als die „Schlimmsten“: An einem der Bistrotische isst er den zur Dekoration über das Glas gelegten Obstspieß bis auf ein Strunk „Blattzeug“ Happen für Happen auf - die Mango, die Ananas und die Trauben. Den nackten Holzspieß entsorgt er dann im Behälter mit den frischen Servietten. Seine Frau putscht derweil ihren frisch gepressten Fruchtsaft auf, indem sie einen Prosecco ins Glas kippt. Das tut sie in der, wie sich herausstellt, berechtigten Vorahnung, dass der folgende Vortrag des Chefvolkswirts der Deka-Bank, Dr. Ulrich Kater, im Atrium ein wenig länger dauert als erhofft.

          Den Vortrag, in dem es nicht nur um die Schuldenkrise und die Rettung des Euro geht, sondern auch um die „Abkehr vom homo oeconomicus“, überstehen die beiden mit geschlossenen Augen, er seinen Kopf sanft auf ihre Schulter bettend. Es zahlt sich später für das Ehepaar noch aus, dass es sich für die Plätze unmittelbar neben dem Ausgang entschieden hat. Als die Türen sich wie Schleusen in Richtung Freiheit öffnen, setzt es sich routiniert an die Spitze der Bewegung in Richtung Buffet. Im Wettstreit mit den „Schlimmsten“ - eher dreißig als zwanzig, die in den hinteren Reihen Platz genommen haben - ergattern sie einen der Tische, die eine gute strategische Ausgangsposition auch für das zweite und dritte Nachfassen bieten.

          Die Grundfragen der Berliner Gratisverköstigung

          Auch ein Herr mit krausem Vollbart ist hier anzutreffen, auf dessen Schild am Revers unter seinem Vor- und Nachnamen noch etwas von einem „Institut“ zu lesen ist, das sich mit Fragen der „Publizistik“ befasst. Der Mann mit der DDR-Staatsratsbrille, der sich im Gespräch auch als ausgezeichneter Kenner des Marxismus in Westdeutschland erweist, ist sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend klar darüber, in welchem Medium er einen Text über diesen inhaltlich wie kulinarisch ertragreichen Abend plazieren wird. Er belässt es bei der kryptischen Andeutung: „Venezuela, Australien - falls Australien will, da muss ich erst mal wieder Kontakt aufnehmen“.

          Etwas weiter abseits der großen Metallwannen mit dem Carpaccio vom Weiderind und den gebratenen Steinpilzschnecken sitzen zwei Frauen. Während der Kellner ihnen ein pikantes Dessert - Ziegenfrischkäse an Rosmarinkaramell mit gerösteten Oliven - reicht, führen die beiden eine kultivierte Unterhaltung über Grundfragen der Berliner Gratisverköstigung: Wo war ich heute schon? Wohin gehe ich morgen? Wer ist heute da? Wer fehlt?

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