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Dietmar Bartsch : Schwer vermittelbar

Mittendrin, allein gegen alle: Dietmar Bartsch am Donnerstag in Frankfurt Bild: dapd

Nach Lafontaines Rückzug klafft in der Linkspartei der Graben offener denn je. Beim Besuch der politischen Verwandtschaft im Westen muss Dietmar Bartsch achtgeben, nicht hineinzufallen.

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          Es ist nicht so, dass nicht auch im Westen begeistert applaudiert wird, wenn Dietmar Bartsch redet. Es kommt nur überraschend. Donnerstagabend, Gewerkschaftshaus in Frankfurt, die Linkspartei diskutiert mit Blick auf den Main über ihre Führungskrise. Es ist eine weitere Regionalkonferenz vor dem Parteitag in Göttingen nächstes Wochenende. Die Kandidaten für den Vorsitz sollen sich vorstellen. Kaum jemand weiß so genau, wer kommt - zu viel hat sich in den vergangenen Tagen getan: Absagen, Ankündigungen, Aufforderungen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Nur Bartsch war stets Kandidat, im November schon hat er seine Bereitschaft erklärt. Nach Frankfurt kommt er zu spät, und so bleibt mehr Zeit für die Einführung des hessischen Landesvorsitzenden Ulrich Wilken: Die meisten im hessischen Landesverband habe der Rückzug von Oskar Lafontaine „tief getroffen“, sagt er. Nun brauche es eine Führung, die „den Laden zusammenhält“. „Wir werden nämlich gebraucht.“ Auch die sächsische Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann darf länger reden, sie kandidiert für den Vorsitz und eröffnet ihren Vortrag mit „Glück auf“.

          Langer Applaus - aber nicht für Bartsch

          Etwa eine Stunde verspätet dann trifft Bartsch ein. Er geht, geschäftsmäßig korrekt gekleidet, ans Rednerpult und verbiegt sich ab und an seltsam. Er ist viel zu groß für das niedrige Pult. Bartsch begründet seine Kandidatur, ruhig und ohne zu stocken. Er hat sie schon oft begründen müssen. Keine Reaktion aus dem Publikum. Bartsch redet von Zerfallsprozessen in der Partei, von der Führung, die Vielfalt braucht, von den Erfolgen in der Kommunalpolitik im Osten, von der „Kümmererpartei“ Linke. In den letzten Reihen gibt es Gemurmel. Bartsch ist hier ein Fremder. An einer Stelle klatscht einer ganz kurz einsam.

          Dann leitet Bartsch über zu den Zielen, die er als Vorsitzender erreichen will. Als er gerade über Beispiele alternativer Politik spricht, brandet plötzlich Applaus auf. Lang und intensiv. Klaus Ernst ist eingetroffen, der Noch-Vorsitzende. Ernst ist ein Lafontaine-Mann. Bartsch unterbricht seine Rede. Ernst marschiert ein, Wilken heißt ihn vom Podium aus willkommen und sagt, an Bartsch gerichtet: „An dieser Stelle hat bei den anderen Regionalkonferenzen wohl niemand geklatscht.“ Bartsch blickt nicht gerade begeistert. Er bringt seinen Vortrag zu Ende. Der Applaus ist spärlich. In einer Woche könnte Bartsch Vorsitzender der Linkspartei werden. Im Westen aber scheint er kaum vermittelbar.

          Alles Gute wird Lafontaine zugeschrieben

          So wie Dietmar Bartsch ist, so war die PDS, die nach der Revolution von 1989 im Osten eine Volkspartei geworden war. Und so, wie Bartsch zurzeit in einigen westdeutschen Landesverbänden der Linkspartei behandelt wird, hätte die WASG gern schon 2005 ihren Fusionspartner PDS behandelt. Doch damals haben die Männer um Lafontaine herum sich das nicht getraut. Damals nahm Klaus Ernst, ehemaliger Sozialdemokrat und IG-Metall-Funktionär, froh und dankbar die großzügigen Zugeständnisse der PDS-Partner in Empfang, vor allem die für den Westen vorteilhaften Delegiertenschlüssel für die ersten Parteitage der neuen Partei.

          Ungleich sind die Verhältnisse in der 2007 offiziell gegründeten gesamtdeutschen Linkspartei geblieben, so ungleich wie Lafontaine und Bartsch. Beide könnten von sich behaupten, die Väter des Erfolgs von 2009 zu sein, als die neue Partei mit 11,9 Prozent in den Bundestag einzog. Lafontaine war mit Gysi Spitzenkandidat, Bartsch aber Wahlkampfleiter gewesen.

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