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Die Geschichte eines Ortes : Das dritte Lidice

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Unser Dorf soll schöner werden: Neue Straßen, Laternen und Einfamilienhäuser entstehen. Unternehmensberater, Rechtsanwälte und Fabrikanten ziehen hier ein Bild: Kilian Kirchgeßner

Die Nazis zerstörten den Ort Licide, unweit des Prager Stadtzentrums, aus Rache. Jahrzehntelang war er ein Mahnmal seiner selbst. Jetzt beginnt er zu leben. Ein drittes Mal.

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          Seine braunen Lederschuhe sind schon nach den ersten Metern ruiniert. Über matschigen Erdboden führt der Feldweg, aber Lukás Kohl ist so begeistert, dass er sich nicht bremsen lässt. „Kommen Sie“, ruft der Architekt, „von da hinten ist der Blick am besten!“ Durch die Bäume auf der rechten Seite zeichnen sich die abgesteckten Baugrundstücke ab und die ersten Rohbauten. Nach einigen hundert Metern hält Kohl an. Zur Linken streicht der Blick weit über die böhmischen Hügel, geradeaus tauchen hinter dem Baugebiet die ersten Häuser der Stadt auf. Sie heißt Lidice. „Ist es nicht schön hier?“, fragt Kohl.

          Er ist seit mehr als sechs Jahrzehnten der erste Architekt, der in Lidice arbeitet. Die Häuser, die er baut, sind ein Politikum: Der Ort, so war es bis jetzt ungeschriebenes Gesetz, bleibt unverändert. Das erste Lidice gab es bis 1942; damals zerstörten es die Nazis als Racheakt für den Anschlag auf Reinhard Heydrich, den „stellvertretenden Reichsprotektor für Böhmen und Mähren“. Sie ermordeten die Männer; Frauen und Kinder verschleppten sie in Konzentrationslager.

          Das zweite Lidice entstand nach dem Krieg. Ein Zeichen des Triumphes über das Böse sollte es sein; die wenigen überlebenden Frauen bekamen eines der Häuser, die einige hundert Meter westlich vom ursprünglichen Ort gebaut wurden. Manche sehen vom Wohnzimmerfenster aus die Stelle, an der ihre Verwandten ermordet worden sind. Über Jahrzehnte war Lidice ein lebendiges Mahnmal seiner selbst. Nichts durfte verändert werden, darüber wachte die Denkmalschutzbehörde. Kein einziges neues Gebäude ist seit den fünfziger Jahren entstanden, absoluter Baustopp. Und jetzt wird am dritten Lidice gebaut.

          „Wie aus einer anderen Welt“

          “Lidice ist sehr geordnet, sehr ruhig“, sagt der Architekt Lukás Kohl: „Es wirkt wie aus einer anderen Welt.“ Der Architekt steht im Baugebiet und faltet große Pläne auf. Das Dorf ist auf ihnen zu erkennen, symmetrisch in den Abmessungen von Gärten und Straßen, von Parks und Wegen. Knapp 160 Häuser sind über Lidice verteilt. „Für uns als Architekten ist es interessant, dass die Stadt nach einem einheitlichen Plan aufgebaut worden ist. So etwas gibt es hier ansonsten weit und breit nirgendwo“, sagt er.

          Eine Stadt vom Reißbrett, ohne Kirche und Marktplatz, aber dafür mit einer 400 Meter langen Allee, die einmal längs durch Lidice führt. Am einen Ende steht die städtische Galerie, die mit funktionalistischem Eifer gebaut wurde und hoffnungslos überdimensioniert ist für die kleine Gemeinde. Am anderen Ende liegt die Gedenkstätte für die Barbarei, die hier geschehen ist. Und dazwischen die wieder aufgebaute Gemeinde, so geradlinig, als könne die klare Ordnung einen Rahmen bilden für den Schrecken und für die Trauer. Aber wie normal kann das Leben sein in Lidice?

          Licide am 10. Juni 1942: In Schutt und Asche gelegt
          Licide am 10. Juni 1942: In Schutt und Asche gelegt : Bild: INTERFOTO

          Der Druck wächst, die Stadt doch zu vergrößern. Eine gute halbe Stunde braucht man mit dem Auto von hier ins Prager Stadtzentrum, der Weg zum Flughafen ist noch kürzer. Die Gemeinden ringsum weisen Baugebiete gleich im Dutzend aus; die Lage im Speckgürtel rings um die Hauptstadt verspricht neue Einwohner und mehr Steuereinnahmen.

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