https://www.faz.net/-gpf-7061k

Die Geschichte eines Ortes : Das dritte Lidice

  • -Aktualisiert am

Touristen erinnern jeden Tag an das Erbe von Licide

Mit dem Erbe, mit dem Schicksal, müssen sie alle leben. Es ist in Lidice allgegenwärtig. Allein schon die Straßennamen: „Straße des 10. Juni 1942“ heißt die große Allee, drum herum die Oradour-Straße, die Lezáky-Straße, die Marzabotto-Straße - alles Orte, die von den Nazis vernichtet worden sind. Und dann die Touristenbusse. Mehr als 50.000 Besucher kommen jedes Jahr, die Busse rauschen am Ort vorbei zur Gedenkstätte am östlichen Rand der Gemeinde. Oberhalb des einstigen Dorfes, auf dem Rücken eines langgezogenen Hügels, steht ein monumentales Denkmal mit angeschlossenem Museum. Von einem steinern eingefassten Aussichtspunkt schweift der Blick über die Senke, in der das Lidice von einst stand.

Einem riesigen Park gleicht das Gelände heute, die Nazis haben über die Trümmer bis zu drei Meter Mutterboden aufgehäuft, damit die Natur die Erinnerung überwuchere. Heute wird der Rasen gestutzt, Wege führen über das Gras, unter dem früher die Dorfstraße verlief. Ein riesiges Kreuz markiert die Stelle, wo der Gutshof von Familie Horák stand. An dessen Mauern wurden die Männer von Lidice erschossen. Ein Rosengarten und ein berührendes Denkmal für die 105 Kinder stehen ein paar Minuten entfernt.

“Die Schüler, die heute zu Besuch kommen, wissen nur wenig über Lidice“, klagt Milous Cervencl, der Leiter der Gedenkstätte. Unvorstellbar weit entfernt sei der Zweite Weltkrieg für sie. Das Museum hat er deshalb mit seinem Team komplett umgebaut: „Wir müssen von ganz vorne anfangen“, sagt er. Die Zeit, der Krieg, das Dorf - die Multimedia-Ausstellung soll eine Zeitreise sein, ergänzt von pädagogischen Programmen für die Besucher. Einige Zeitzeugen leben noch, sie sind viele Wochen im Jahr unterwegs von Schulklasse zu Schulklasse, um die Erinnerung wachzuhalten.

Neue Ideen und das richtige Maß

Und die neuen Bürger von Lidice? Bürgermeisterin Veronika Kellerová sieht manchmal auf ihrem Morgenspaziergang, wie sie ihre Hunde Gassi führen, ausgerechnet im Gedenkpark. „Als meine Großmutter noch lebte“, erzählt Kellerová, „nahm sie mich oft mit hier in den Park. Ganz leise müsse man hier sprechen, flüsterte sie mir immer zu, wie auf einem Friedhof. Und dann zeigte sie mir die Stelle, wo früher das Gartentor ihres Hauses gequietscht hat.“ Die Spaziergänger von heute nehmen ihren Hunden die Leine ab, die Hunde laufen über das Gräberfeld und wühlen mit den Vorderpfoten in der aufgeschütteten Erde. Wie in einem normalen Park.

Die Erinnerung müsse bleiben, sagt Kellerová in ihrem festlichen Rathaussaal. Auf dem Schreibtisch türmen sich die Vorgänge, die es in jeder anderen Gemeinde auch gibt: Neue Gehsteige hat sie den Bürgern versprochen, der Kinderspielplatz braucht eine Auffrischung, das Rathaus einen neuen Anstrich. In Lidice gibt es jetzt ein Mutter-Kind-Zentrum, darauf ist Kellerová besonders stolz, und ein Altenheim. Die Dorfbibliothek ist wieder ein paarmal pro Woche geöffnet. Man erinnere sich an die Vergangenheit, aber sei froh, wenn es Kinder gebe, wenn der Ort lebendig sei. „Wir sind eine Gemeinde wie alle anderen auch. Wir haben nur einen berühmteren Namen“, sagt sie dann.

An diesem Tag hat sie noch eine Besprechung mit Lukás Kohl, dem Architekten. Die Planung für die neuen Häuser hat ihr Amtsvorgänger eingeleitet, sie hat das Projekt geerbt. Wenn die Bauarbeiter abgezogen seien, sagt die Bürgermeisterin, sei es das mit Neubauten in Lidice gewesen. „Es ist gut, dass jetzt gebaut wird, dass neue Leute und neue Ideen kommen“, sagt sie. „Aber wir müssen das richtige Maß im Blick behalten.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Grundsatzurteil gegen VW: Getäuschten Dieselfahrern steht Schadenersatz zu, hat der Bundesgerichtshof entschieden.

F.A.Z. Exklusiv : Kommen die Turboverfahren?

Zigtausende Dieselfälle sind der deutschen Justiz eine Warnung gewesen. Damit so etwas nicht wieder passiert, fordern die Minister der Länder eine schnellere Klärung von Grundsatzfragen. Ein neues Verfahren könnte dabei helfen.

Deutscher EM-Fehlstart : „Brauchen wir uns nicht drüber unterhalten“

Die deutsche Nationalmannschaft verliert ihr erstes Spiel bei dieser Fußball-EM gegen Frankreich. Das liegt auch an einem Mangel an Chancen – und der liegt auch an der gewählten Aufstellung des Bundestrainers.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.