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Die Geschichte eines Ortes : Das dritte Lidice

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“Meine Aufgabe war es, die neuen Häuser so zu planen, dass sie sich gut einfügen und nicht als Fremdkörper wirken“, sagt Lukás Kohl, der Architekt. Rund 40 Häuser entstehen nach seiner Planung; das Baugebiet gliedert sich nahtlos an die alte Struktur. Es sind vier Typen, die etliche dutzend Mal gebaut worden sind. Jeweils eine Etage plus Dachgeschoss, die Dachneigung exakt 45 Grad. Der Ausblick in die böhmische Landschaft ist herrlich, es gibt wegen des Baustopps ringsum keine Mietskasernen; das Baugebiet erinnert nicht einmal entfernt an die Satellitenstädte, die in anderen Vororten entstanden sind. Nur eins hat sich geändert: Das neue Lidice zieht reiche Städter aus Prag an. Unternehmensberater, Rechtsanwälte und Fabrikanten haben hier Häuser gekauft, tagsüber fahren sie mit schweren Limousinen ins Büro.

Ein Abschiedsbrief in den falschen Händen

Das erste Lidice war nicht reich. Es war ein böhmisches Dorf wie aus dem Bilderbuch. Mitten im Ort stand die Sankt-Martins-Kirche, daneben der Gutshof von Familie Horák, der Gasthof von Familie Senfelder und die Metzgerei von Marie Houbová. Vor der Kirche hat Augustin Pospísil in seinem Kiosk Zeitungen verkauft und Zigaretten.

Es ist ein Zufall, eine tragische Verkettung von Ereignissen, dass der blindwütige Nazi-Terror gerade Lidice ausgelöscht hat. Reinhard Heydrich, der Hitler-Vertraute und Prager Statthalter, war 1942 an den Folgen eines Attentats gestorben, das zwei Mitglieder eines Widerstandskommandos begangen haben - bis zum Schluss blieb das der einzige geglückte Anschlag auf einen hohen Nazi-Funktionär. Die Besatzer wollten Rache. Und dann gab es zugleich die harmlose Liebelei eines jungen Mannes namens Václav Riha mit dem Dorfmädchen Anna.

Weil er verheiratet war und Angst hatte, die Geschichte könnte auffliegen, erfand er wilde Abenteuer. Er sei im Widerstand und sie dürfe niemandem über ihn erzählen, schärfte er seiner Geliebten ein. Irgendwann wollte er die Affäre beenden und fand seinen Vorwand ausgerechnet im Attentat auf Heydrich: In einem Brief deutete er an, dass er damit etwas zu tun habe und erst einmal untertauchen müsse. Und dann richtete er noch Grüße aus an ein paar Jungs in Lidice, die er in Wirklichkeit gar nicht kannte. Václav Riha schickte den Brief an die Arbeitsstelle des Mädchens - dort las ihn der Chef und machte Meldung. Ein paar Tage später gab es Lidice nicht mehr.

Bürgermeisterin Veronika Kellerová: „Wir sind eine Gemeinde wie alle anderen auch. Wir haben nur einen berühmteren Namen“
Bürgermeisterin Veronika Kellerová: „Wir sind eine Gemeinde wie alle anderen auch. Wir haben nur einen berühmteren Namen“ : Bild: Kilian Kirchgeßner

“Das hier ist das Lidice von früher“, sagt Veronika Kellerová. Sie zeigt auf ein Ölgemälde, der Rahmen vergoldet. Die Sankt-Martins-Kirche hat der Maler darauf festgehalten, die Gutshöfe und Bauernhäuser, davor ein Stück Acker und darüber der Himmel, auf dem sich wie in einer Prophezeiung düstere Wolken zusammenziehen. Kellerová ist Bürgermeisterin von Lidice, das Bild hängt im Repräsentationssaal ihres kleinen Rathauses vor der noblen Wandvertäfelung. „Da vorne“, sagt Kellerová und zeigt auf das Bild, „da stand das Haus meiner Großmutter.“ Die alte Dame hatte das Massaker überlebt und anschließend die Zeit im Konzentrationslager. Sie war eine der Damen, die in Lidice nur „unsere Frauen“ heißen; eine der wenigen Überlebenden, die wieder zurückkehrten. Aus ihrer Gemeinschaft entstand das zweite Lidice.

Heute hat der Ort 461 Einwohner, da muss Veronika Kellerová nicht lange nachdenken. Sie ist Anfang 40, eine resolute Dame - und seit vielen Jahren die erste Angehörige einer Opferfamilie, die ins Rathaus einzieht. Seit der Wende standen Zugezogene und Angeheiratete an der Spitze von Lidice. Für die Leute hier ist das immer noch ein Kriterium: Wer gehört zu einer der Familien? Vielleicht die Hälfte der Einwohner habe noch die alten Wurzeln, sagt Kellerová, vielleicht ein paar weniger.

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