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Brüderrivalität in der Politik : Wer ist der Stärkere?

  • -Aktualisiert am

FDP oder CDU - Sebastian oder Mario Czaja? Bild: dpa

Zwei Brüder kandidieren für das Berliner Abgeordnetenhaus: Mario und Sebastian Czaja. Der eine für die CDU, der andere für die FDP. War in einer Partei etwa nicht genug Platz für beide?

          5 Min.

          Heute sprechen die Brüder wieder miteinander. Aber nicht über Politik. Wenn sie sich treffen, dann im Haus ihrer Eltern in Marzahn-Hellersdorf, in einer schönen, grünen Einfamilienhaussiedlung, wo es Kaffee und Kuchen im Garten gibt und das Enkelkind Bobby-Car fährt.

          Mario Czaja, 40 Jahre alt, ist schon Vater, Sebastian Czaja, 33 Jahre alt, wird es bald. Sie haben jetzt neue Themen. Im Moment sehen sie sich aber nur selten, so kurz vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Beide kandidieren, der Jüngere für die FDP, der Ältere für die CDU.

          Der Jüngere wird oft auf den Älteren angesprochen. Zum Beispiel wird er gefragt, wie er dessen Rolle als Senator für Gesundheit und Soziales beurteilt, der für das Lageso zuständig ist.

          Er sagt dann: Da sei noch Luft nach oben. Oder, auf die Frage, was ihn von seinem Bruder unterscheidet: „Ich stehe für das nächste Berlin, zusammen mit den Liberalen. Das ist der ganz große Unterschied.“ Spricht man den Älteren auf seinen Bruder an, dann antwortet er, dass er nichts dazu sagen will, das sei privat.

          Ein Streit führt zu unterschiedlichen Parteien

          Es ist elf Jahre her, dass sich die Brüder so stark zerstritten, dass der Jüngere am Ende die Partei wechselte. Beide waren in der CDU, kamen aus einer katholischen Familie, der Vater war Elektriker mit eigener Firma, die Mutter war Krankenschwester. Das ganze Umfeld stand der CDU nahe.

          Zu jener Zeit, als der Streit eskalierte, war der Ältere Abgeordneter und CDU-Kreisvorsitzender, der Jüngere Bezirksverordneter. Beide waren starke Persönlichkeiten, hatten aber einen unterschiedlichen Stil. Der Ältere hatte schon seine feste Machtposition und orientierte sich an den alten Hasen in der CDU.

          Der Jüngere ließ sich witzige Aktionen einfallen, rief einen Wettbewerb um das schlimmste Klassenzimmer aus, kam dann selber zum Renovieren und lud Oberbürgermeister Eberhard Diepgen zum Anstrich ein.

          „Erfrischend, verrückt und weniger konservativ“

          Er machte Schlagzeilen, weil er kurzzeitig mit dem Nacktmodell Micaela Schäfer liiert war, und äußerte sich in den Medien auch dazu. Ein Parteifreund aus jener Zeit nennt ihn „erfrischend, verrückt und weniger konservativ als der große Bruder“.

          FDP-Generalsekretär Sebastian Czaja - der jüngere der beiden Brüder

          Auf einem Kreisparteitag kandidierte Sebastian Czaja, der jüngere Bruder, spontan als Stellvertreter des älteren. Da war das Verhältnis schon angeknackst. Sebastian Czaja sagte, er wolle sich mehr um die Plattenbaugebiete in Marzahn-Hellersdorf kümmern, die sein Bruder vernachlässigen würde.

          Mario Czaja wurde mit 95 Prozent der Stimmen als Kreisvorsitzender bestätigt. Sebastian Czaja unterlag mit sechs zu 34 Stimmen seinem Gegenkandidaten, der von der Wahlvorbereitungskommission vorgeschlagen und auch von seinem Bruder unterstützt wurde.

          Professionalität vor Familiensinn

          Sebastian Czaja sitzt in einem Biergarten im Westen Berlins, die Wespen attackieren seinen Wurstsalat. Czaja hat blonde Haare und blaue Augen, die Ärmel seines weißen Hemdes sind hochgekrempelt. Warum hat er das denn gemacht, damals? Er weicht aus: „Irgendjemand im Saal wird mich vorgeschlagen haben. Und da hab ich gesagt, ja, klar, wieso nicht. Weiß ich nicht mehr.“

          Wir gehen rein, zu viele Wespen. Er hat das seinem Bruder damals übel genommen, dass er ihn nicht unterstützt hat. Heute spricht er gelassen darüber: „Na klar, der ist superprofessionell damit umgegangen, hat da keinen Meter Familieninteressen vertreten.

          Er war in der Rolle des Kreisvorsitzenden, es gab ja ein Vorvotum, das sich für einen gewissen Kreisvorstand ausgesprochen hatte, und an das Vorvotum hat er sich eben gehalten.“ Das habe nichts daran geändert, dass Mario sein Bruder sei.

          Machtpolitik siegt vor Sachpolitik

          Drei Monate später schrieb er seinen Austrittantrag, suchte seinen Bruder auf und sagte es ihm. Dann gab er seinen Parteiwechsel bekannt. Sebastian Czaja trug eine schwarz-gelbe Krawatte, als er zu Journalisten sagte, dass bei seinem Bruder die Machtpolitik über die Sachpolitik gesiegt habe. Die Themen Bildung, Familie, Soziales seien halbherzig behandelt und die Plattenbauviertel zur „politiklosen Zone“ erklärt worden.

          Durch seinen Wechsel hatten die Liberalen nun drei Leute im Bezirksparlament und erlangten damit Fraktionsstärke. Der Wechsel lohnte sich auch für Sebastian Czaja selbst, ein Jahr später wurde er für die FDP ins Abgeordnetenhaus gewählt, wo sein Bruder schon seit 1999 saß, als Direktkandidat von Marzahn-Hellersdorf.

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