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Breslau : Die Geschichte tropft aus jeder Dachrinne

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Das „Haus zu sieben Kurfürsten“ am Rynek in Breslau Bild: Peter Hirth/laif

Die Stadt Breslau in Polen ist nicht nur Austragungsort der Fußball-EM, sondern war bis 1945 auch eine der größten Städte Deutschlands. Jetzt besinnt sie sich wieder der gemeinsamen Wurzeln.

          Breslau. Seit einiger Zeit ist in Deutschland viel von Gentrifizierung die Rede, der Verdrängung angestammter Bewohner aus „ihren“ Vierteln durch Investoren, Wohnungsspekulanten und gut verdienende Zuzügler. Wenn man begreifen will, was Vertreibung einer fast kompletten Bevölkerung aus ihrer Stadt wirklich bedeutet, sollte man eher ins südpolnische Wroclaw fahren, während der Fußball-EM Vorrundenspielstätte für die Mannschaften Polens, Russlands, der Tschechischen Republik und Griechenlands - und bis 1945 unter dem Namen Breslau viertgrößte Stadt Deutschlands.

          Kaum eine Stadt spiegelt die bis heute schwer belastete deutsch-polnische Geschichte und die Tragödie des Zweiten Weltkriegs derart wieder wie diese niederschlesische Metropole. Über Jahrhunderte lebten hier Deutsche, Polen und Juden gemeinsam unter wechselnder Herrschaft. Fünf Jahrhunderte lang, vom 13. bis ins 18. Jahrhundert, gehörte das ehemals slawische Fürstentum zu Böhmen und zum österreichischen Kaiserreich, bis Friedrich der Große 1741 Schlesien und Breslau von den Habsburgern eroberte.

          Die deutsche Vergangenheit wurde gelöscht

          Danach entwickelte sich die Stadt bis ins 20. Jahrhundert zu einem wirtschaftlichen, geistigen und wissenschaftlichen Zentrum Preußens und des deutschen Reichs. Diese Epoche endete im Frühsommer 1945. Nach dem Ende des von Nazi-Deutschland entfachten Weltkriegs, dessen erstes Opfer Polen war, musste die deutsche Bevölkerung, fast 90 Prozent der Einwohner, die Stadt verlassen. Sie wurden in Zügen vor die Stadt gekarrt, von wo sie sich in Flüchtlingstrecks in das zerstörte deutsche Restreich schleppten. In den Jahren zuvor waren alle Juden der Stadt, die nach Berlin zweitgrößte jüdisch-deutsche Gemeinde, in die KZs zur Vernichtung transportiert worden.

          In die fast menschenleere, zu 70 Prozent zerstörte Stadt kamen nach dieser fast vollständigen Entkernung Polen. Auch sie Vertriebene, aus dem von der Sowjetunion einverleibten, 1.000 Kilometer weiter östlich gelegenen Gebiet um Lemberg in der heutigen Westukraine - Ergebnis der von den Alliierten beschlossenen Westverschiebung Polens. Sie brachten ihre eigene ostpolnische Kultur mit, ihren zum Teil orthodoxen Glauben, ja, sogar Denkmäler, und die Erinnerungen an ihre eigene verlorene Heimat. Sie trafen auf eine ihnen fremde, in manchen Zügen preußisch-strenge Stadt. Alle Zeugnisse der deutschen Vergangenheit sollten nun gelöscht werden. Die Straßen wurden polnisch umbenannt, Inschriften entfernt, Denkmäler etwa von Friedrich Wilhelm, dem Namensgeber der zerstörten Universität, gestürzt.

          Leben wie in einem Provisorium

          Und doch wurden die neuen Bewohner das deutsche Erbe nicht los. Es wurde nur verdrängt und von der herrschenden kommunistischen Partei unterdrückt. Im Foyer des mittelalterlichen Rathauses stehen Büsten von Josef von Eichendorff, Gerhard Hauptmann, des SPD-Urvaters Ferdinand Lassalle, des deutschen Industriellen August Borsig, von Dietrich Bonhoeffer und der christlich-jüdischen Heiligen Edith Stein, die 1942 in Auschwitz starb - alles deutsche Kinder dieser Stadt.

          Viele der heute polnischen Bürger von Wroclaw wohnen in ursprünglich von Deutschen errichteten Häusern, beten in Kirchen, die deutsche Baumeister ebenso geschaffen haben wie auch die modernen Gebäude zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Breslau ein Experimentierfeld war für neue Formen des Bauens und Denkens - noch bevor diese im Bauhaus und in Berlin Einzug hielten. Nur dass alles plötzlich polnische Namen trug und der Stadt ein neues polnische Bewusstsein und ein neuer Name übergestülpt wurden.

          Die Menschen in Wroclaw lebten bis zur europäischen Zeitenwende 1989/90 wie in einem Provisorium. Denn die Bundesrepublik erkannte, unter dem Druck der Vertriebenenverbände, bis zur deutschen Einigung die neue Westgrenze Polens nicht an. Die Bonner Regierung sprach stattdessen von der Oder-Neiße-Linie, in den Schulbüchern stand bei Schlesien „unter polnischer Verwaltung“. Die nach Breslau Umgesiedelten, die sich mühsam in der neuen Heimat eingewöhnt hatten, fürchteten, auch diese wieder zu verlieren - ein bei uns vergessenes Kapitel des Kalten Krieges. Erst der deutsch-polnische Freundschaftsvertrag von 1991 schuf auch für die Bewohner Breslaus Klarheit und Sicherheit.

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