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Boris Johnson : Mit London gegen Downing Street

  • -Aktualisiert am

Der wahre Geist Londons? Bürgermeister Boris Johnson Bild: dpa

Nach den Londoner Krawallen stellt sich Boris Johnson als Vertreter des rechten Flügels der Konservativen dar - und steht damit gegen Premierminister Camerons gemäßigte Linie.

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          Geschult in der von Eton und Oxford gepflegten Debattiertradition ist Boris Johnson nie um ein Wort verlegen. Nach den Londoner Krawallen versagten aber selbst die Kräfte des redegewandten Londoner Bürgermeisters, der sich gern auf die antiken Klassiker beruft, eine Lanze für die politische Unkorrektheit bricht und seinen ausgeprägten politischen Instinkt hinter der Maske des unbeholfenen Narren versteckt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Versuch, die erregten Bürger des Stadtteils Clapham mit Churchillscher Rhetorik zu charmieren, in dem er der Besen schwingenden Aufräumbrigade erklärte, sie repräsentiere den wahren Geist Londons, schlug fehl. Statt auf seine Schmeichelei einzugehen, fragten Zwischenrufer sarkastisch, wo der Bürgermeister denn geblieben sei, als die Rowdies Amok liefen, ob er denn gut geschlafen habe und wie seine Ferien gewesen seien.

          Wie sein ehemaliger Mitschüler David Cameron schien sich Johnson den seit der Bankenkrise zur Modeparole gewordenen Spruch aus dem Zweiten Weltkrieg, „Ruhe bewahren und weitermachen“, anfangs zu sehr zu Herzen genommen zu haben. Beide mussten ihre ursprüngliche Einschätzung, den Urlaub nicht unterbrechen zu müssen, revidieren. Der Premierminister hatte es aus der Toskana freilich weniger weit als der Londoner Bürgermeister, der aus Vancouver zurückflog und nicht rechtzeitig eintraf, um an der ersten Sitzung des Krisenausschusses der Regierung teilzunehmen. Johnson soll auch am Mittwoch zu spät gekommen sein für die zweite Krisensitzung.

          Boris gegen Downing Street

          Es zeugt von dem wachsenden Unmut zwischen Downing Street und Johnson, dass das Büro des Premierministers nicht versuchte, Johnson zu decken. Das gespannte Verhältnis spitzte sich am Mittwoch weiter zu, als „Boris“, wie er allseits genannt wird, unverblümt gegen Downing Street Stellung bezog und die Regierung ermahnte, die geplanten Kürzungen bei der Polizei im Lichte der jüngsten Ereignisse zu überdenken.

          Mit diesem Einwurf bekräftigte Johnson, der sein Abgeordnetenmandat abgab, als er 2008 zum Bürgermeister gewählt wurde, den Eindruck, dass er sich bereits als Kandidat für das Premierministeramt positionieren wolle, obwohl er sich eigentlich auf seine Wiederwahl zum Bürgermeister im nächsten Jahr konzentrieren sollte.

          Der ehemalige Chefredakteur des „Spectator“ hat in letzter Zeit bei öffentlichen Auftritten und in seiner regelmäßigen Kolumne für den „Daily Telegraph“ wiederholt Cameron indirekt kritisiert, wie etwa als er dem vom Premierminister beschriebenen Bild der gebrochenen Gesellschaft widersprach. Zwar bezeichnet er auf seine ironische Art das Verhältnis zu Cameron als von „klebrig-süßer Harmonie“, doch ist nicht zu übersehen, dass Johnson sich seit einiger Zeit als Vertreter des von Camerons gemäßigter Linie zunehmend verdrossenen rechten Flügels der Konservativen darstellt. Ebenso wenig waren am Mittwoch die Spitzen gegen Johnson zu überhören, insbesondere als der Premierminister hervorhob, dass die Unruhen seine Einschätzung von der gebrochenen Gesellschaft bestätigten.

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