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Béji „Caïd“ Essebsi : Tunesischer Übergänger

  • -Aktualisiert am

Beji Caid Essebsi Bild: AFP

Wechsel in Tunesien: Der 84 Jahre alte Béji „Caïd“ Essebsi folgt auf Mohammed Ghannouchi und ist, wie dieser, ein erfahrener Repräsentant des alten Regimes.

          Wer ihn erlebte, als er in den achtziger Jahren den deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Gästehaus der tunesischen Regierung empfing und - bei arabischer Musik - bewirtete, weiß, dass dieser hochgebildete Mann der traditionellen Effendi-Klasse seines Landes angehört. Trotzdem wird Béji „Caïd“ Essebsi wahrscheinlich nicht allzu lange als Ministerpräsident Tunesiens amtieren; dafür werden schon die Macher der Jasmin-Revolution sorgen, die auch in seiner Person keinen Regimewechsel erkennen können. Den aber wollen sie.

          Essebsi folgt auf Mohammed Ghannouchi und ist, wie dieser, ein erfahrener Repräsentant des alten Regimes. Zugute kommt ihm freilich, dass er seit 1991 kein wichtiges Amt mehr innehatte. Man identifiziert ihn doch stärker mit der Ära von Gründungsvater Habib Bourguiba. Für die Duldung der schlimmsten Eskapaden und die Unterdrückung der letzten eineinhalb Jahrzehnte kann man ihn nicht mehr verantwortlich machen. Außerdem galt er in der - inzwischen aufgelösten - Regierungspartei immer als eine liberale Stimme. In Bonn, wo er bis 1987 vorübergehend Botschafter war, wusste man seine Art zu schätzen.

          Béji Caïd Essebsi ist schon 84 Jahre alt. Er wurde am 29. November 1926 in Sidi Bou Said, dem durch die Bilder August Mackes als Künstlerkolonie bekannt gewordenen Ort bei Tunis, geboren. Seine Familie gehört, schon der Beiname „Caïd“ drückt es aus, der Kaste der führenden Grundbesitzer und Beys an, die das Land jahrhundertelang geprägt hat. In der Hauptstadt wuchs er auf und erhielt seine Ausbildung. In Paris studierte er bis 1950 die Rechte. Er praktizierte eine Weile als Anwalt und kam dann in den Kassations-Gerichtshof.

          Schon früh, seit den späten vierziger Jahren galten seine Sympathien der Destour-Partei, die unter Leitung von Bourguiba für die Unabhängigkeit des Protektorats Tunesien von Frankreich kämpfte. So verwundert es nicht, dass er seit 1956 schon als Berater Bourguibas, des ersten Staatspräsidenten, wirkte. Mit der Übernahme des Innenministeriums 1965 begann seine eigentliche politische Karriere. Mit Sicherheitsfragen hatte er sich schon zuvor beschäftigt, so dass er zwischen 1969 und 1970, obwohl nur kurz, zum Verteidigungsminister ernannt wurde.

          Aufgrund parteiinterner Querelen musste Essebsi eine politische Pause einlegen, die erst endete, als er 1981 für fünf Jahre zum Außenminister seines Landes wurde. Es waren Jahre, in denen das kleine Tunesien wichtiger wurde, hatte doch die Arabische Liga nach dem Bruch der Araber mit dem ägyptischen Präsidenten Sadat und seinem Israel-Kurs ihren Sitz von Kairo nach Tunis verlagert. Und mit Chédli Klibi war auch ein Tunesier deren Vorsitzender. Als Vorsitzender der Abgeordneten-Kammer, ein Amt, das er zwei Jahre ausfüllte, beschloss Essebsi seine Karriere, bevor man ihn jetzt wieder holte. Gegenwärtig gilt es, Flüchtlingsströme aus Libyen zu bewältigen. Seine wichtigste Aufgabe wird aber sein, die Grundlagen für ein demokratischeres System zu legen und die Wahlen vorzubereiten.

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