https://www.faz.net/-gpf-yrw7

Atifete Jahjaga : Die Schattenfrau

Atifete Jahjaga Bild: dpa

Erst sollte der Schweizer Bauunternehmer Behgjet Pacolli im Kosovo Präsident werden. Doch seine Wahl erklärte das Verfassungsgericht in Prishtina für ungültig. Also musste ein neuer gewählt werden. Der amerikanische Botschafter sagte den Kosovaren, wer es werden solle.

          2 Min.

          Mitte vergangener Woche begann in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina das große Rätselraten: Wer ist Atifete Jahjaga? Gerade war bekanntgeworden, dass eine Frau dieses Namens vom Parlament zur neuen Präsidentin des Kosovo gewählt werden solle, doch kaum jemand wusste etwas über sie. Wer auf die Schnelle wenigstens dem Zauberhut des Internets biographische Anhaltspunkte entlocken wollte, stieß auf - nichts. Als sei die vorwikipedianische Epoche zurückgekehrt, da Urteile und Fehlurteile noch etwas langsamer entstanden.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Inzwischen ist das Lebensgerüst der ersten Präsidentin des Kosovo zumindest in Grundzügen bekannt. Frau Jahjaga wurde am 20. April 1975 in einem kosovarischen Dorf nahe der Grenze zu Albanien geboren. In den durch kosovarische Zeitungen verbreiteten Lebensläufen heißt es, sie habe die Rechte in Prishtina studiert. Damit ist wohl gemeint, sie habe Kurse im albanischen „Schattenstaat“ des früheren kosovarischen Präsidenten Ibrahim Rugova besucht, denn als sie in dem entsprechenden Alter war, geboten noch der serbische Alleinherrscher Slobodan Milosevic und seine Truppen über das Kosovo, wo Albanern der Universitätsbesuch verboten war.

          Fest steht, dass Atifete Jahjaga gut Englisch lernte, denn nach dem Einmarsch der westlichen Truppen in das Kosovo im Juni 1999 heuerte die junge Frau als Übersetzerin bei der kosovarischen Polizei an, die von ausländischen Fachleuten im Dienste der Vereinten Nationen und der OSZE aufgebaut wurde. Sie blieb, wurde selbst zur Polizistin ausgebildet, besuchte Fortbildungsseminare in Großbritannien und den Vereinigten Staaten, stieg auf.

          Als der amerikanische Botschafter in Prishtina, der eigentliche Strippenzieher im Kosovo, ihr anbot, Staatsoberhaupt zu werden, war sie stellvertretende Chefin der kosovarischen Polizei. Solch eine Karriere ist Frauen in der patriarchalischen Welt des Amselfelds selten möglich. Dass Atifete Jahjaga zwar verheiratet ist (ihr Mann ist Zahnarzt in Prishtina), aber keine Kinder hat, ist ebenfalls ungewöhnlich für eine kosovarische Frau.

          Da die neue Präsidentin zuvor nie einen politischen Posten innehatte, ist noch kaum zu sagen, wofür sie steht. Sicher ist, dass sie, wie die meisten Kosovaren aller Generationen, „dem Westen“ und vor allem den Vereinigten Staaten treu ergeben ist. Die Amerikaner waren es schließlich auch, die sie ins höchste Amt des Staates brachten, nachdem das Verfassungsgericht in Prishtina, sehr zum Unwillen von Washingtons Repräsentanten übrigens, die vorherige Wahl des Schweizer Bauunternehmers Pacolli zum Präsidenten für ungültig erklärt hatte. Daraufhin bestellte der amerikanische Botschafter sowohl Pacolli als auch Ministerpräsident Hashim Thaçi sowie Oppositionsführer Mustafa in seine Residenz ein und bedeutete ihnen, wen ihre Abgeordneten zu wählen hätten, wollten sie die amerikanische Unterstützung nicht riskieren.

          So geschah es. Künftig allerdings soll der Präsident des Kosovo direkt vom Volk gewählt werden.

          Weitere Themen

          Ende von „Trudeaumania“? Video-Seite öffnen

          Parlamentswahl in Kanada : Ende von „Trudeaumania“?

          Der Liberale Justin Trudeau regiert Kanada seit 2015, damals war noch von einer „Trudeaumania" die Rede. Doch den Nimbus der Erneuerung hat der inzwischen 49-Jährige eingebüßt. Bei der Parlamentswahl könnte es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Konservativen geben.

          Topmeldungen

          Markus Söder beim Parteitag der CSU in Nürnberg

          CSU-Chef im Wahlkampf : Markus Söder, der Antibayer

          Ganz Deutschland, so sagen es die Umfragen, hätte lieber Markus Söder als Armin Laschet zum Kanzler. Ganz Deutschland? Nein, die Bayern mögen ihn nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.