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Porträt : Vom Hoffnungsträger zum Buhmann

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Peter Hartz Bild: Zentralbild

Um pathetische Vergleiche war Peter Hartz nie verlegen: „Wir haben eine Bibel für den Arbeitsmarkt geschrieben“, verkündete er ehedem. Gerade ist „Hartz IV“ zum Wort des Jahres 2004 erkoren worden. Aber nicht für jeden hat es einen guten Klang.

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          Um griffige Formulierungen und pathetische Vergleiche war Peter Hartz noch nie verlegen: „Wir haben eine Bibel für den Arbeitsmarkt geschrieben“, verkündete er stolz vor zwei Jahren. Da hatte die von ihm geleitete „Kommission zum Abbau der Arbeitslosigkeit und zur Umstrukturierung der Bundesanstalt für Arbeit“ gerade ihren Abschlußbericht vorgelegt. Nichts Geringeres als die Halbierung der Arbeitslosigkeit innerhalb von drei Jahren stellte das 343 Seiten starke Werk in Aussicht. Hartz I und Hartz II sind seit Januar und April 2003 in Kraft, Hartz III und IV stehen seit Januar 2004 im Gesetzblatt. 2005 wird das Jahr der Abrechnung.

          Peter Hartz, der am 9. August 1941 in St. Ingbert als Sohn eines Hüttenarbeiters geboren wurde, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholte und Betriebswirtschaft studierte, inzwischen von der Universität Trier zum Ehrendoktor ernannt und vom saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller sogar mit dem Professorentitel geehrt wurde, mag dem Praxistest mit gemischten Gefühlen entgegensehen: Immerhin können vier von fünf Deutschen mit seinem Namen etwas verbinden. Gerade ist „Hartz IV“ zum Wort des Jahres 2004 erkoren worden. Der charmante, ideenreiche und unkonventionelle Manager hat eine Öffentlichkeitswirkung entfaltet, die weit über seine Bekanntheit als Personalvorstand von Volkswagen hinausreicht.

          Vom Hoffnungsträger der Nation zum Buhmann mutiert

          Doch ist Bekanntheit nicht gleichzusetzen mit Popularität. Der einstige Hoffnungsträger ist zum Buhmann der Nation geworden. Die Hälfte der Deutschen würde Hartz keinen Gebrauchtwagen abkaufen. Unter tatkräftiger Mithilfe von Gewerkschaftern und Parteilinken wurde „Hartz IV“ im Sommer 2004 vor allem in Ostdeutschland zum Synonym für Sozialabbau und Verarmung. Das ist bitter für einen, der sich gern in der Zuneigung anderer sonnt und so eitel ist wie Hartz. Die Kritik der Kollegen und Genossen trifft den Missionar, der selbst IG-Metall- und SPD-Mitglied ist, um so härter.

          Der Automanager, der bei VW die Vier-Tage-Woche eingeführt und mit dem Modell, 5000 Arbeitslose für 5000 Mark im Monat einzustellen, für positive Schlagzeilen gesorgt hat, distanzierte sich zwar beizeiten von dem, was Regierung und Opposition aus seiner Blaupause gemacht haben: „Nicht überall, wo Hartz draufsteht, steckt auch Hartz drin.“ Doch muß sich der „freundliche Revolutionär aus Wolfsburg“ vorwerfen lassen, lediglich ein paar umständliche Reparaturmaßnahmen am Arbeitsmarkt und ein paar allfällige Veränderungsnotwendigkeiten zusammengefaßt und mit nichtssagenden Begriffen wie „Job-Floater“garniert zu haben.

          Tabuthemen im Konzept ausgespart

          Den Königsweg zu mehr Beschäftigung hat er nicht gewiesen - weil er von Anfang an Tabuthemen aussparte und sich lediglich auf Vorschläge beschränkte, „die zumutbar und realistisch sind“. Das Arbeitsrecht, die Tarifpolitik, der Kündigungsschutz, die Entkopplung der Sozialsysteme vom Faktor Arbeit: einige dieser Klippen hat die Hartz-Kommission erkannt - dann aber wieder aus dem Blick verloren oder geschickt zu umschiffen verstanden. Wer ein Schiff bauen wolle, müsse nicht Holz sammeln, sondern die Sehnsucht nach dem weiten, unendlichen Meer wecken, hat Hartz seine Aufgabe einmal beschrieben. Die Sehnsucht hat er tatsächlich eine Zeitlang geweckt. Doch mehr als ein Floß konnte daraus nicht werden.

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