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Porträt : Jassir Arafat - ein Leben mit Brüchen

Arafat vor dem palästinensischen Parlament in Gaza Bild: AP

Jassir Arafat hat in seinem Leben schon oft die Rollen gewechselt. Das eigentlich Beständige in dem bewegten Leben des PLO-Vorsitzenden sind seine Brüche.

          Jassir Arafat ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Der frühere Partisan und heutige Chef der palästinensischen Autonomiebehörde ist ein politisches Stehaufmännchen. Schon oft in seinem Leben hat er auf das falsche Pferd gesetzt. Und schon oft wurde er abgeschrieben. Arafat kam immer zurück.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          An der eigenen Legende hat Arafat freilich selbst mitgearbeitet. Er behauptet, 1929 in Jerusalem geboren worden zu sein. Dieser Geburtsort hätte wegen seiner Symbolik viel für sich. Biografen gehen indes von Gaza oder Kairo aus. Unumstritten ist indes, dass er als Sohn eines Textilhändlers in wohlhabenen Verhältnissen aufgewachsen ist.

          In der ägyptischen Hauptstadt studiert Arafat Elektrotechnik, zieht später nach Kuweit, wo er eine Firma gründet und wirtschaftlich erfolgreich ist. Neben seiner Ingenieurstätigkeit engagiert er sich schon früh in der Politik. Nach der Teilnahme am Suez-Krieg gründet er 1957 die Fatah, eine "Bewegung zur Befreiung Palästinas".

          Vom Gängelband Nassers gelöst

          Noch werden die Palästinenser am Gängelband der panarabischen Bewegung von Gamal Nasser, dem ägyptischen Staatschef, geführt. Erst mit der Niederlage gegen Israel im Sechstage-Krieg verselbständigt sich die palästinensische Bewegung. Die Fatah beginnt den Partisanenkampf von innen.

          Arafat übernimmt 1969 als Chef der großen Fatah-Gruppe den Vorsitz der PLO, des Dachverbandes diverser palästinensischer Gruppen. Ihre Präsenz in der jordanischen Hauptstadt Amman wird für König Hussein jedoch bald zur Belastung. Die Jordanier fühlen sich als Minderheit im eigenen Staat von den Machtansprüchen der PLO bedroht. 1970, im sogenannten schwarzen September, kommt es zu einem Gemetzel und der Vertreibung der PLO aus Jordanien. Arafat lässt sich mit seinen Mannen in Beirut nieder.

          Markenzeichen Palästinensertuch

          Der unrasierte kleine Mann mit dem Palästinensertuch wird durch weltweite Terroranschläge international bekannt. Zwar gilt seine Fatah-Gruppierung als gemäßigt, vom Terror der anderen distanziert Arafat sich aber nicht. Die Blockbildung während des Kalten Krieges ermöglicht ihm 1974 einen vielbeachteten Auftritt vor der UN-Vollversammlung. Der Sprung aufs internationale Parkett wappnet nicht vor Rückschlägen: Die PLO verstrickt sich in den Libanon-Konflikt. Israel, dessen Norden mittlerweile Zielscheibe palästinensischer Katjuscha-Raketen ist, schreitet 1982 militärisch ein. Arafat muss wieder fliehen. Die PLO residiert fortan in Tunis und muss mit ansehen, wie sich die Palästinenser in Gaza und der Westbank von der PLO emanzipieren - und islamistischen Gruppierungen zuwenden.

          Strategische Wende von 1988

          1987 beobachtet Arafat aus dem fernen Maghreb den Ausbruch der Intifida, des Aufstandes Steine werfender Kinder in den besetzten Gebieten. Arafat stellt sich an die Spitze der Entwicklung und vollzieht eine strategische Wende: Er erkennt den Staat Israel in den Grenzen von vor 1966 faktisch an und verzichtet auf den Einsatz terroristischer Mittel. Lohn dieser Wende ist die Aufnahme von Verhandlungen mit den USA. Ein erster Schritt zum Frieden?

          Kehrtwende Richtung Bagdad

          Im Golfkrieg 1990 macht Arafat zwei Schritte zurück: Er verbündet sich mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein und beschwört den Heiligen Krieg gegen Israel. Saddam Husseins Niederlage trifft auch Arafat. Die Golfstaaten streichen die üppige Finanzhilfe für die PLO. Arafat scheint zerrieben zu werden - zwischen den radikalen Islamisten auf der einen und den inzwischen mit den USA verbündeten arabischen Staaten auf der anderen Seite. Verbliebene Sympathien für die palästinensische Sache verspielt Arafat, als er später auch noch auf die Putschisten im Kreml setzt. Konsequenz: Bei den Friedensverhandlungen 1991 in Madrid fehlt die Stimme der Palästinenser in der Welt.

          Dass er vier Jahre später trotzdem den Nobelpreis erhält, liegt an seiner abermaligen 180-Grad-Drehung: Er beteiligt sich an geheimen Verhandlungen mit Israel in Oslo, die zu einem ersten Vertrag zwischen den jahrzehntelangen Feinden führen. Als Chef der neuen Autonomiebehörde, der Keimzelle einer künftigen Staatsregierung, kann er es indes nicht verhindern, dass Gegner seines Kompromisskurses versuchen, den Friedensprozess zu torpedieren. Zeitweise mit Erfolg: Der Terror hilft dem "Falken" Benjamin Netanjahu an die Macht. Zwischen ihm und Arafat stimmt die Chemie von Anfang an nicht.

          Verspielte Chance von Camp David

          Auch im Verhältnis zu dessen Nachfolger Ehud Barak mangelt es an Vertrauen. Barak, der während der Verhandlungen in Camp David im Sommer 2000 schon keine parlamentarische Mehrheit mehr besitzt, macht dem PLO-Chef mit der de facto Verwaltung Ostjerusalems ein Angebot, das - so meinen Beobachter - in dieser Form nicht wiederholt werden kann. Arafat, so sieht es auch der enttäuschte amerikanische Präsident Bill Clinton, hat eine große Chance verspielt.

          In kritischen Situationen, sei es vor dem Golfkrieg oder vor dem Ausbruch der zweiten Intifada, werden in Arafat ideologische Reflexe wach. Mit altersbedingter Sturheit hat dies nichts zu tun. Zwar zittern die Lippen Arafats, von dem es heißt, er leide an Parkinson. Sein Verstand aber funktioniert. Immer noch versteht er es vortrefflich, seine Rollen abhängig vom Publikum zu wechseln. Vor den eigenen Leuten präsentiert er sich heute als Steuermann des Aufstandes gegen Israel. Gegenüber der Weltöffentlichkeit als Getriebener, dem radikale Kräfte im Nacken sitzen, die nur er mäßigen könne. Diese Fähigkeit, zwei sich widersprechende Rollen zu beherrschen, ist die Grundlage seiner Legende.

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