https://www.faz.net/-gpf-o9v2

Porträt Florian Gerster : "Wir müssen ein großes Rad drehen"

Gerster: Lieber Spitzenmanager als Behördenleiter Bild: dpa

Florian Gerster sieht sich nicht als Behördenleiter, sondern als Manager. Den Umbau der Bundesanstalt vergleicht er gerne mit dem Start der Deutschen Telekom.

          4 Min.

          Florian Gerster wäre gerne Spitzenmanager. Auf internen Vermerken plaziert der Behördenchef meist ganz oben ein VV - die Abkürzung für Vorstandsvorsitzender in Konzernen. Im Gespräch vergleicht er den Umbau der Bundesanstalt gerne mit dem Start der Deutschen Telekom. Behördendeutsch und Amtsschimmel sind ihm ein Greuel, ebenso wie die etwas verschlafene fränkische Stadt Nürnberg und der riesige Betonklotz der Anstaltszentrale. Schon der Ausdruck Behörde kommt nur über seine Lippen, wenn er von der Vergangenheit der Nürnberger Institution spricht. Lieber spricht der Nachfolger von Bernhard Jagoda von einem Dienstleister am Arbeitsmarkt, unternehmensähnlich mit Vorstand, Aufsichtsrat und möglichst weitreichender, wenn nicht gar völliger Unabhängigkeit von der Regierung.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Dieses Selbstverständnis als VV von Regierungs Gnaden könnte ihm jetzt zum Verhängnis werden. Die Wogen der Aufregung um einen nahezu freihändig vergebenen Auftrag an die Medienberatungsgesellschaft WMP EuroCom AG ebben nicht ab. 1,3 Millionen Euro beträgt das Auftragsvolumen über zwei Jahre hinweg. Hinzu kommen 25 Millionen Euro für eine Imagekampagne, die den Umbau der Behörde begleiten soll. Beides ist nicht viel, wenn man es am Haushalt der Bundesanstalt in Höhe von 50 Milliarden mißt. Auch verglichen mit Beratereinsätzen in der freien Wirtschaft handelt es sich nicht um ein horrendes Salär. Zudem ist kaum von der Hand zu weisen, daß es mit der Öffentlichkeitsarbeit und der Kommunikation in Nürnberg nicht zum besten bestellt ist.

          Auf Protest stößt jedoch, daß Gerster zum einen den Auftrag vergeben hat, ohne ein Ausschreibungsverfahren einzuleiten, wozu eine Behörde nach EU-Recht verpflichtet wird. Zum anderen soll er den Verwaltungsrat nicht frühzeitig und mit Nachdruck informiert haben. Ein Randthema sei der Vertrag mit WMP in der Präsidiumssitzung vom 14. November gewesen, wird von Teilnehmern berichtet. Angesichts der knapp bemessenen Zeit sei dieser von den Arbeitgebern beantragte Tagesordnungspunkt schnell abgehandelt worden - so schnell, daß sich die Verwaltungsratsvorsitzende Ursula Engelen-Kefer offensichtlich gar nicht mehr daran erinnert. Gerster bot einen Einblick in den bereits geschlossenen Vertrag an, die Mitglieder des Aufsichtsgremiums verhängten vorsichtshalber einen Sperrvermerk über die 25 Millionen Euro für die Imagekampagne und gingen wieder auseinander. In Kreisen der Bundesanstalt wird der Kopf geschüttelt über ein solches eiliges Vorgehen. "Er hätte wissen müssen, daß ein solcher Vertrag eine sensible Geschichte ist, die öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet werden kann", heißt es. Vor allem aber hätte der sonst so korrekt und penibel auftretende Gerster prüfen lassen müssen, ob die schnelle Auftragserteilung mit EU-Recht vereinbar ist. Nach seinen Angaben hat nur die zuständige Abteilung im eigenen Haus die Rechtsförmlichkeit abgesegnet.

          Den Widersachern des von vielen als arrogant, unsympathisch und selbstüberschätzend bezeichneten Behördenchefs kommen diese Schnitzer gerade recht. Schon längere Zeit haben sich viele von ihnen über das zuweilen selbstherrliche Auftreten des früheren SPD-Sozialministers von Rheinland-Pfalz aufgeregt. Die Liste seiner kostspieligen Prestigeprojekte, bevor die eigentliche Reform überhaupt begonnen hat, ist beträchtlich. Angefangen hatte es mit Meldungen über die Gehälter der drei Vorstände, die es damit mit so manchem Unternehmenslenker aufnehmen können. Ein paar Monate später sorgten die Kosten für komplett renovierte Vorstandsbüros und Konferenzräume in der Bundesanstalt in Höhe von 2,6 Millionen Euro für Aufsehen. Kurz darauf machte die Umbenennung der Behörde in eine Bundesagentur für Arbeit - Gersters Lieblingsprojekt - Schlagzeilen. 2,5 Millionen Euro sollen allein die neuen Hinweistafeln in den Arbeitsämtern kosten - die Aufwendungen für neue Briefköpfe, Broschüren und ähnliches noch gar nicht mit eingerechnet. Der Auftrag an fünf Unternehmensberatungen, darunter die renommiertesten und teuersten in Deutschland, ließ vor allem Gewerkschaftsvertreter wieder gegen den Mann an der BA-Spitze meutern. Immerhin 57 Millionen Euro ließ sich Gerster diese Aufträge kosten. Wie zu hören ist, ist man in Nürnberg dabei noch nicht einmal mit der Arbeit aller Beratungen uneingeschränkt zufrieden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun“, schrieb Drosten über die Anfrage der „Bild“

          „Bild“ gegen Drosten : Die versuchte Vernichtung

          Die Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen den Virologen Christian Drosten legt vor allem eines offen: Das Desinteresse vieler an den Fakten für eine angemessene Pandemie-Politik.
          Haben verschiedene Vorstellungen vom „Wiederaufbau“: Angela Merkel und Sebastian Kurz

          Österreichischer Bankchef : Lob für Merkel, Kritik an Kurz

          „Einen wirklich großartigen Plan“ nennt der Chef der größten österreichischen Bank den Vorschlag, die EU solle gemeinsame Schulden machen und das Geld als Zuschüsse an Krisenstaaten vergeben. Bernhard Spalt geht damit auf Konfrontation zu Kanzler Kurz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.