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Porträt : Ein Mann namens Doubleyou

Volkstümlich: George W. Bush Bild: AP

George W. Bush musste lange auf die Bestätigung seines Wahlsieges warten. Am Samstag hat er den Eid auf die amerikanische Verfassung abgelegt. Er ist nun der 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

          Wer politische Persönlichkeiten vor allem über ihre Herkunft verstehen will, der findet in George W. Bush eine Goldgrube. In seinem Leben ist alles vorhanden, was das Biographen-Herz begehrt: das Großwerden ist einer texanischen Politiker-Dynastie, ein prägender Vater, dem der Junior aus dem Gesicht geschnitten ist, ein Weg mit vielen Abstechern in so manche Sackgasse. Und am Ende eine Landung auf dem vorgezeichneten Pfad. Ein Happy End.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Dass der Junior, der am 20. Januar als 43. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird, auch den Namen des Seniors trägt, passt ins Bild eines Mannes, der sich nach einem schwierigen Prozess der Selbstfindung schließlich am Vater orientierte. Sowohl Anhänger als auch Gegner nennen ihn schlicht bei seiner Mittelinitiale „Doubleyou“, die für Walker steht. Die einen meinen es liebevoll, die anderen gehässig.

          Ein Mann mit Reibungsfläche

          Überhaupt ist Bush jemand, an dem sich die Geister scheiden. Für das so genannte Eastcoast Establishment bündelt der 1946 in Texas geborene Südstaatler alle Klischees, die der Nordosten über den Süden pflegt - vom Populismus der Rednecks bis zur Bigotterie des puritanischen Amerika.

          Nicht zu vergessen seine mangelnde Bildung. Das liberale Amerika sah sich durch seine Patzer im Wahlkampf, in dem er einmal balkanisch und vulkanisch verwechselte, nur bestätigt. Bush nahm's locker und ergriff mit einem koketten Anti-Intellektualismus die Flucht nach vorn: Danach gefragt, was ihm ein Graus sei, antwortete der eher schlecht als recht in Yale und Havard graduierte Betriebswirt: ein Buch von fünfhundert Seiten über Philosophie zu lesen.

          Ein volkstümlicher Kumpel aus der Provinz

          Seinen Anhängern macht dies nichts. Sie sehen in ihm vielmehr einen anti-elitären, volkstümlichen Kumpel, der sich nicht scheut, die Sprache der einfachen Menschen zu sprechen und nicht vorgibt, eine sündenlose Jugend verbracht zu haben. Doubleyou ist spät erwachsen und vernünftig geworden. Doch Middle America, jener Teil der USA fernab der Metropolen, liebt reuige Sünder, die geloben, es im zweiten Anlauf besser zu machen.

          Das erklärt Bushs Popularität im Süden und im Mittleren Westen. Bushs Herkunft bestimmt seine innenpolitische Agenda, die sich gegen Washington, gegen die Bürokratie und gegen Big Government richtet. Unter der älteren, männlichen Bevölkerung aus den ländlichen Gegenden Amerikas teilt man diese Sichtweise.

          Das Erwachsenwerden kam mit 40

          Die Volkstümlichkeit ist keine Aufgesetztheit eines verwöhnten Bengels aus reichem Hause. Sie ist Produkt seiner Biographie, die zwischenzeitlich nicht danach aussah, im Weißen Haus zu enden. Nach seinem Aufenthalt an den College-Städten im Nordosten zog es Bush zurück nach Texas. Ein erster Sprung in die Politik misslang: 1978 verlor er bei der Wahl zum Repräsentantenhaus gegen einen Demokraten. Bush ging zunächst in die Wirtschaft.

          Er machte es seinem Vater gleich, der auch vor seiner Karriere in Washington in der Ölindustrie sein Geld verdiente. Dass sich auch der Sohnemann in der Branche betätigte, lag, so heißt es, auch an der Unterstützung des Seniors. So recht gelingen wollte Bush das Geschäft nicht. Zum wirtschaftlichen Misserfolg kam bald ein Alkoholproblem.

          Das Draufgänger-Image bestätigte er im Umgang mit Frauen, bei denen er wenig anbrennen ließ. An seinem 40. Geburtstag beschloss er, wie Bush selbst gerne betont, keinen Southern Comfort mehr anzufassen. Der Methodist, der inzwischen aus der Ehe mit der Bibliothekarin Laura Welch Zwillingstöchter hatte, wurde fromm.

          „All name and no money“

          Und reich dazu. Er kaufte sich, ebenfalls mit Hilfe des Papas, beim Baseballteam „Texas Rangers“ ein und wurde dessen Geschäftsführer. Das Team konnte er später Gewinn bringend verkaufen. Bush hatte sich durchgestrauchelt. Dass er nun nicht mehr vom Geld seiner Familie, sondern von seinen eigenen Millionen leben konnte, verdankte er zu einem nicht unerheblichen Teil seinem Vater.

          „I am all name and no money“ (Bei mir zählt nur der Name, nicht das Geld) - mit diesem Satz beschrieb Bush seinen Lebensweg in gewohnt koketter Manier äußerst zutreffend. Als wirtschaftlich inzwischen auf eigenen Füßen stehender Mann konnte er jetzt mit einer Karriere in der Politik die Familientradition in der dritten Generation fortsetzen.

          1994 gelang ihm überraschend der Sieg bei der texanischen Gouverneurswahl. Es war die Zeit der „konservativen Revolution“ eines Newt Gingrich in Washington und Bush sprang auf den fahrenden Zug - unter anderem mit dem Versprechen, härter gegen Kriminelle durchzugreifen und die Steuern zu senken. Zu George W. Bush gehört auch, dass er beide Versprechen hielt: Er senkte die Abgaben und unter seiner Führung wurde Texas zum Bundesstaat mit den häufigsten Hinrichtungen. Mit der starken Legislative in Austin arbeitete der Gouverneur effektiv und pragmatisch zusammen. Viele Gesetzesvorhaben entstanden in Kooperation mit den Demokraten.

          New Republican“ und „mitfühlender Konservativer“

          Seine Wiederwahl mit stolzen 68,6 Prozent 1998 war das Sprungbrett zur Präsidentschaftskandidatur. Während er sich im Wahlkampf außenpolitisch klassisch konservativ zeigte - mehr Geld fürs Militär, weniger Interventionen Amerikas in der Welt - präsentierte er sich innenpolitisch innovativ. Zwar knüpft er wirtschaftspolitisch an der Angebotspolitik Ronald Reagans an. Doch geht es ihm nicht allein um die Schleifung wohlfahrtsstaatlicher Festungen. Bushs Ziel ist Schaffung einer christlich geprägten Fürsorgegesellschaft.

          „Mitfühlender Konservativismus“ heißt das Konzept. Ob dieses das Zeug, in der Welt eine ähnliche Resonanz zu finden wie die Agenda der „New Democrats“, muss Bush jetzt beweisen. Die konservativen Parteien in Großbritannien und Deutschland könnten einen Impulsgeber, wie Clinton dies für Blair und Schröder war, gut gebrauchen.

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