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Porträt : Blair, das Glückskind

  • -Aktualisiert am

Blair, mit Siegerlächeln Bild: AP

Tony Blair hat schon viele Attribute zugesprochen bekommen. Die Bezeichnungen „Bambi“ und „Stalin“ aber bezeichnen die Extreme, die er in seiner Person vereinigt.

          Tony Blair hält keine Reden. Er predigt, er beschwört seine Zuhörer. Seine ganze Körpersprache ist darauf ausgerichtet zu suggerieren: Seht her - ich bin eine ehrliche Haut. Vertraut mir und alles wird gut. Tony Blair hat wie kein anderer die Spielregeln der Mediendemokratie verstanden. Gnadenlos nutzt Blair die Palette mediengerechter Inszenierungen. So hält er es, seit er 1994 Parteivorsitzender der Labour Party wurde.

          Tony Blair hat schon viele Attribute zugesprochen bekommen. Die Bezeichnungen „Bambi“ und „Stalin“ aber bezeichnen die Extreme, die er in seiner Person vereinigt. Der jüngste Premierminister seit 150 Jahren, mit großer Intelligenz und menschlicher Ausstrahlung ausgestattet. Ein jugendlich wirkender Politiker, der in Jeans genauso seriös wirkt wie im dunklen Anzug. Aber auch ein Diktator, der seine Partei mit Hilfe treuer Gefolgsleute eisern im Griff hält und der ein zentrales Medienmanagement aufgebaut hat, in dem sein Pressesprecher Alastair Campbell mehr Macht hat als so mancher Minister.

          Vorbild Mick Jagger

          Blair wurde 1953 als Sohn eines wohlhabenden schottischen Rechtsanwaltes in Edinburgh geboren. Sein Vater strebte für die Konservativen ins Parlament, musste seine politische Karriere aber nach einem Schlaganfall abbrechen. Tony Blair besuchte die exklusive Privatschule Fettes in Edinburgh und studierte in Oxford Jura. Spät erst zog es ihn in die Politik. Als junger Mann, so Blair, sei sein Vorbild Mick Jagger gewesen. Als Leadsänger in einer Rockband habe er sich nicht so sehr um Politik gekümmert. Im Labour-Studentenclub in Oxford fand er nur Karrieristen - das war nicht seine Welt.

          Blairs politische Überzeugungen wurzeln in seiner starken christlichen Prägung. Er ist der erste Premier seit 90 Jahren, der regelmäßig den Gottesdienst besucht und sein sozial-christlicher Ansatz war es wohl auch, der ihn veranlaßte, politisch aktiv zu werden.

          Seit 1975 bei Labour

          Als Anwalt praktizierte Blair in einer Londoner Kanzlei und entwickelte gute Kontakte zu führenden Labour-Politikern. Hier lernte er auch Cherie Booth kennen, die er 1980 heiratete. In dieser Zeit begann sein aktives Engagement in der Labour Party, der er seit 1975 angehört.

          Sein Aufstieg verlief rasant. Seit 1983 gehört er dem Unterhaus an. Protegiert vom damaligen Parteivorsitzenden Neil Kinnock machte er im Schattenkabinett schnell Karriere: Zuerst als Arbeits- und Sozialpolitiker, dann als finanzpolitischer Sprecher und schließlich als „Innenminister“.

          Stets behielt Blair seinen jungenhaften Charme bei. Auch als Regierungschef sieht man ihn mit seiner Akustikgitarre aus dem Wochenende nach „Number 10“ zurückkehren, spielt er weiter Tennis und bewahrt sich Freiraum für seine Familie. Er gilt als der ideale Hausmann, der sich mit seiner Frau, die weiterhin als eine der erfolgreichsten Anwältinnen des Landes praktiziert, Haushalt und Kindererziehung teilt. Die beiden haben drei Söhne und eine Tochter. Die Geburt des jüngsten Sohnes am 21. Mai 2000 löste eine wahre Medienhysterie aus. Das erste Mal seit 150 Jahren war ein amtierender Premier Vater geworden.

          Macht ohne Prinzipien?

          Als 1994 John Smith überraschend starb, trat Blair an, Parteivorsitzender zu werden. Dass Blair die richtige Wahl war, bewies er schnell. Er vollendete die Parteireform, die seine Vorgänger Kinnock und Smith begonnen hatten. Blair streifte endgültig den übermächtigen Einfluß der Gewerkschaften auf die Partei ab und ließ das Glaubensbekenntnis aus der Parteisatzung ändern („Clause IV“), das die Partei auf die Verstaatlichung aller Produktionsmittel verpflichtete. Staunend beobachteten die Briten, wie Blair die alten Zöpfe abschnitt und Labour zu einer sozialliberalen, modernen Partei machte.

          Doch viele Briten halten Blair inzwischen für einen PR-Mann, der nicht wirklich etwas bewegt, sondern nur so tut als ob. Was 1997 noch als Charisma galt, wird jetzt als Masche verspottet. Einige Kritiker sprechen gar von einem „moralischen Vakuum“ im Herzen der Regierung. Ein ehemaliger Freund und politischer Weggefährte, Ken Follett, wirft Blair vor, er versuche Probleme wie ein Anwalt zu lösen, indem er prüfe, was die Regeln sagen. „Er scheint nicht über starke innere Überzeugungen zu verfügen, die ihm eine sichere Entscheidung in einer moralisch komplexen Angelegenheit ermöglichen.“ Blair selbst sieht das anders. Er formulierte sein politisches Credo einmal folgendermaßen: „Macht ohne Prinzipien ist unproduktiv, aber Prinzipien ohne Macht sind nutzlos.“

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