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Poroschenko regiert die Ukraine : Mit der Keule der Kosaken

Symbolträchtiger Auftritt: Der neue ukrainische Präsident Poroschenko bei seiner Amtseinführung in Kiew Bild: REUTERS

Es war eine Amtseinführung mit viel Sinn für Symbolik: Der neue ukrainische Staatspräsident Petro Proschenko hat in seiner Antrittsrede den Aufstand des „Majdan“ gewürdigt  und ein Bekenntnis zu Europa abgelegt. Jetzt sollen Taten folgen.

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          „Ich, Petro Poroschenko, nach dem Willen des Volkes…“ – Als der neue Präsident der Ukraine  am Samstag im ukrainischen Parlament, einem Schmuckstück des Stalinschen Hochempire auf dem Petschersker Hügel über dem Dnjepr, seinen Amtseid ablegte, hat das Zeremoniell des jungen Staates Ukraine geleistet, was es konnte.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Da sind allerlei Accessoires zu sehen gewesen, etwa ein „Präsidentenausweis“ mit Lichtbild auf  rotem Samtkissen, mit welchem dem Staatsoberhaupt im Zweifelsfall seine Identität belegen kann, ferner, unerhört wichtig in diesem stempelgläubigen Land, ein Amtssiegel, und natürlich, ebenfalls auf rotem Kissen von einem Offizier im Stechschritt herbeigebracht, eine folkloristische „Bulawa“, die Keule des Kosakenhetmans, die Poroschenko sofort ergriff und in die Höhe streckte.

          Neben solchen Kuriosa aus dem Nähkästchen hat das Protokoll für die Amtseinführung Poroschenkos, dessen Wahl am 25. Mai die ukrainische „Euromajdan-Revolution“ zum Abschluss gebracht hat, allerdings auch überaus ehrwürdige Symbole alter Staatlichkeit nutzen können.

          Die unabhängigen oder halbunabhängigen Kosakenstaaten der ukrainischen Steppe sind zwar im 17. und 18. Jahrhundert stufenweise von Russland aufgesogen worden, und erst seit 1991 ist das Land wieder unabhängig – aber aus der Zeit davor sind noch Reliquien vorhanden, und die haben am Samstag eine wichtige Rolle gespielt.

          Da ist zum einen das Peresopnizke-Evangeliar, ein gewaltiges, reich illustriertes und in altukrainisch abgefasstes Buch aus dem 16. Jahrhundert, auf das ukrainische Präsidenten seit der Neugründung des Staates ihren Amtseid ablegen. Es gilt als das vielleicht wichtigste Symbol der ukrainischen Kulturnation – ebenso wie die von Fürst Jaroslaw dem Weisen erbaute Sophienkathedrale aus dem Jahr 1037, in die Poroschenko nach der Vereidigung am Samstag zum Gottesdienst fuhr.

          Mit ihren goldenen Kuppeln und dem vielstimmigen Klang ihres Geläuts ist sie neben dem Höhlenkloster  ein paar Kilometer Dnjepr-abwärts das prächtigste Denkmal der mittelalterlichen „Kiewer Rus“. Als Vorgängerstaat der heutigen Ukraine war die Rus schon ein Großreich, als in den Sümpfen und Wäldern des Nordens vom heute so mächtigen Moskau noch nicht einmal der Namen existierte.

          Symbole der Kontinuität bei der Vereidigung

          Solche Symbole der Kontinuität sind in diesem Frühjahr, in dem nach den russischen Interventionen auf der Krim und im Donbass zeitweise die schiere Existenz der Ukraine auf dem Spiel zu stehen schien, besonders bedeutsam, und der neuen Präsidenten ha sie an seinem ersten Tag im Amt akzentuiert, so gut es ging.

          Dazu gehörte nicht zuletzt eine eindrucksvolle Gästeliste:  siebzehn Ministerpräsidenten und Staatsoberhäupter waren im Parlament zugegen, unter ihnen so unterschiedliche Charaktere wie Bundespräsident Joachim Gauck und der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenka, dazu der  Vorsitzende des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy und der amerikanische Vizepräsident Joe Biden.

          Falls jemand angesichts des Bürgerkriegs im Donbass oder wegen der gewaltsamen Begleitumstände des Machtwechsels im Februar noch Zweifel an der Legitimität des neuen Präsidenten hegen sollte: Dieses Publikum war der lebende Beweis dafür, das der überwiegende Teil der Welt sie nicht teilt.

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