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Polizeiaufbau in Afghanistan : „Wir bilden aus fürs Überleben“

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Hilfe zur Selbsthilfe: Polizeiausbildung in Mazar-i-Scharif durch das Deutsche Polizei Projekt Team (GPPT) Bild: dpa

Die Kritik am Polizeiaufbau in Afghanistan reißt nicht ab. Detlef Karioth, Leiter des deutschen Polizeiberaterteams am Hindukusch, verteidigt gegenüber FAZ.NET hingegen das deutsche Engagement. Mit ihm sprach Markus Bickel.

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          Die Kritik am internationalen Engagement beim Polizeiaufbau in Afghanistan ist so alt wie der Einsatz selbst. Deutschland ist seit 2002 daran beteiligt, seit Mai 2008 mit dem deutschen Polizeiberaterteam (GPPT). Im Zentrum des Aufbaus steht das so genannte Focused District Development-Programm (FDD), das soziale Projekte mit Polizeiarbeit verbindet. Detlef Karioth ist Leiter des Teams und Leitender Polizeiberater an der Deutschen Botschaft in Kabul. Mit ihm sprach Markus Bickel.

          Herr Karioth, Kritiker sagen, der bisherige Polizeiaufbau in Afghanistan sei gescheitert. Worin liegt der mangelnde Fortschritt begründet?

          Es hätte mit Sicherheit schneller gehen können, wenn die ausländischen Aktivitäten besser koordiniert worden wären. In Teilen des Landes geht es auch deshalb nicht so zügig voran, weil Taliban, Al Qaida und andere Aufständische die Sicherheitskräfte immer wieder in Kämpfe verwickeln. Zugleich muss man aber auch sagen: Deutschland hat seit 2002 rund 24.000 afghanische Polizisten ausgebildet. Das ist ein Erfolg.

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          Lässt sich in Afghanistan überhaupt eine zivile Polizei nach europäischem Vorbild aufbauen?

          Es ist mit Sicherheit möglich, eine an internationalen Standards orientierte Polizei aufzubauen. Allerdings müssten diese Standards näher definiert werden, schließlich werden überall auf der Welt andere Kriterien angelegt. Was wir uns für Afghanistan vorstellen, ist eine Polizei, die in der Lage wäre, sich gegen die bewaffneten Kräfte im Land zu verteidigen. Wir bilden hier ja nicht nur Straßenpolizisten aus. Unser Bestreben ist, sie so auszubilden, dass sie überleben können. Allein 2008 sind mehr als tausend Polizisten getötet worden.

          Militär und Polizei führen gemeinsam Lehrgänge durch. Den Eindruck, dass Bundeswehr und Polizei an einem Strang ziehen, hatte man bislang nicht.

          Dem ist aber so, auch wenn der polizeiliche Aufbau dominiert. Die Militärs bringen ihre Kompetenzen mit, wir aber strukturieren die Trainings - und legen Wert darauf, dass es ein ziviler Polizeiaufbau ist.

          Was ist beim Polizeiaufbau falsch gemacht worden in den vergangenen Jahren?

          Ich glaube, es ist bislang zu wenig auf die Bevölkerung eingegangen worden. Um Erfolg zu haben, muss man in der Fläche präsent sein - und mit den Leuten sprechen. Das ist auch der Ansatz unseres Focused District Development-Programms (FDD): Ehe wir mit der Ausbildung beginnen, stellt das Mentoring-Team erst einmal fest, wie ein Distrikt strukturiert ist, wer dort das Sagen hat, wie die Polizei ausgebildet und bewaffnet ist. Danach gehen wir gemeinsam mit Feldjägern der Bundeswehr in den Distrikt, um mit der eigentlichen Ausbildung zu beginnen. Die Polizeibeamten eines Distrikts werden vollständig herausgelöst und in unserem Trainingszentrum in Mazar über 2 Monate ausgebildet. Außerdem versuchen wir, kleinere soziale Projekte aufzubauen, damit die Bevölkerung einen direkten Mehrwert spüren kann - und um zu zeigen, dass die Deutschen nicht nur zur Durchreise da sind.

          Das klingt nach Sozialarbeit.

          Was wir implementieren wollen, ist eine Form des Community-Policing. Übertragen auf die afghanischen Verhältnisse heißt das, den Spagat zu schaffen aus Kampf gegen Taliban und Aufständische sowie einer normalen Tätigkeit als Polizist, der für Ruhe und Ordnung sorgt und den Verkehr regelt.

          Verteidigungsminister Franz-Josef Jung hat ebenso wie der amerikanische Präsident Barack Obama gefordert, mit moderaten Taliban ins Gespräch zu kommen. Soll auch versucht werden, Taliban für die Polizei zu werben?

          Diese Frage stellt sich so nicht. Man sollte eher danach fragen, warum Kämpfer überhaupt zu den Taliban übergelaufen sind. Reden muss man aber auf jeden Fall mit den Taliban, denn nur so lässt sich der Standpunkt der anderen Seite kennenlernen - und langfristig Frieden schaffen. Schließlich will der Großteil der Bevölkerung auch nichts anderes als in Ruhe leben.

          Die deutsche Polizei ist vor allem in Nordafghanistan tätig. Dort sind die Probleme weniger gravierend als im Süden Afghanistans.

          Auch hier gibt es kritische Situationen, denen man entsprechend vorsichtig begegnen muss. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es eine einheitliche Linie vom Innenministerium über die Provinzen bis in die Distrikte gibt. Vor allem diese unterste Ebene ist bislang nur rudimentär betreut worden - und da setzen wir an.

          Erst vergangene Woche wurde wieder ein Bundeswehrlager von Aufständischen angegriffen. Wie groß ist die Gefahr, dass deutsche Polizeiberater zur Zielscheibe werden könnten?

          Es ist nicht auszuschließen, dass es da zu kritischen Vorfällen kommen kann, auch wenn wir mit Polizeiaufbau und -beratung beschäftigt sind. Im Grundsatz ist die Zahl der Angriffe ja zurückgegangen, selbst wenn es in Hotspots wie Kundus weiter Anschläge geben wird. Deshalb muss auch vermehrt Polizeiarbeit geleistet werden. Bis August wollen wir dort ein Trainingszentrum fertig gestellt haben mit einer Kapazität für hundert Polizisten. Dort wollen wir verstärkt Polizeiaufbau betreiben.

          Obama hat die Entsendung Tausender Soldaten vor den Wahlen im August angekündigt. Das klingt nicht so, als ob zivile Maßnahmen das Militärische zurückdrängten.

          Vor der Wahl ist die Erhöhung der Anzahl der Militärs sicherlich sinnvoll, um freiheitliche demokratische Wahlen überhaupt durchführen zu können. Parallel dazu läuft der Poliziaufbau aber unvermindert weiter.

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