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Polizei auf Schalke : Bedingt abwehrbereit

  • -Aktualisiert am

Getümmel in der Arena: Die Polizei zwischen Fans beim Champions-League-Playoffspiel zwischen dem FC Schalke 04 und PAOK Saloniki Bild: dpa

SPD-Innenminister Ralf Jäger setzt wieder auf Gespräche mit Schalke 04. Zuvor schien es, als wolle er im Streit über Polizeieinsätze für den Fußball ein Exempel statuieren.

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          Ralf Jäger hat sehr fleißig an seinem neuen Image gefeilt. Der Sozialdemokrat hatte zwischen 2005 und 2010, in seiner Zeit als Oppositionspolitiker in Nordrhein-Westfalen, den Spitznamen „Jäger 90“, weil er im politischen Meinungsstreit einen ausgeprägten Hang zur Konfrontation und zu Schnellschüssen an den Tag legte. Als ihn Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) im Sommer 2010 zum Innenminister machte, schaltete Jäger im parlamentarischen Umgang dann erstaunlich schnell auf Staatsmann um. Aufhorchen lässt Jäger seither mit Razzien gegen religiöse Eiferer, Rocker und Rechtsextremisten.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mit feinem Gespür für die mediale Wirkung weiß Jäger solche Aktionen mit markigen Worten zu kommentieren: Es gelte, „den braunen Sumpf“ trockenzulegen, den „Nazis auf die Springerstiefel zu treten“ oder den „Rockern die Kutten“ auszuziehen, sagt Jäger dann. Auch zum Thema Fußballgewalt meldet sich der nordrhein-westfälische Innenminister regelmäßig zu Wort.

          Leistungsträger im Landeskabinett

          Jäger hat sich den Ruf erarbeitet, die Dinge durchdacht beim Namen zu nennen und – wenn nötig – hart durchzugreifen. Längst gilt er als der Leistungsträger im rot-grünen Landeskabinett und die Nummer eins unter den Kandidaten, die eines Tage für eine Kraft-Nachfolge in Frage kommen. Doch am Donnerstag überraschte der Innenminister selbst Parteifreunde mit einem Schnellschuss, der vielleicht einmal als „Schalke-Schock“ in die Landesgeschichte eingeht: Die Polizei zieht sich bis auf weiteres bei Heimspielen des FC Schalke 04 aus dem Stadion zurück. „Für die Sicherheit im Stadion ist der Verein zuständig“, sagte Jäger. Die Polizei werde sich weiterhin im öffentlichen Raum um die Sicherheit kümmern, Straftaten weiterhin konsequent verfolgen, aber in die Arena nur noch kommen, wenn sie darum gebeten werde.

          Jäger begründete seine Entscheidung damit, dass das „Vertrauen in den Verein Schalke 04 derzeit schwer beschädigt“ sei. Offenbar handelt es sich also um eine Art Trotzreaktion. Die Vereinsführung hatte nämlich einen Polizeieinsatz beim Champions League-Spiel zwischen Schalke 04 und PAOK Saloniki am 21. August als „völlig unverhältnismäßig“ kritisiert. Die Polizei war damals im Schalke-Fanblock eingeschritten, weil sich griechische Fans durch das Zeigen einer – in Deutschland nicht verbotenen – Fahne mit mazedonischem Symbol provoziert fühlten. Nach Polizeidarstellung griffen Schalke-Ultras die Beamten „sofort mit massiver Gewalt“ an. „In dieser dynamischen Situation setzten die Kräfte sowohl den Einsatzmehrzweckstock als auch Pfefferspray ein“, heißt es im offiziellen Bericht des Innenministeriums. 80 Personen, darunter auch Unbeteiligte und Helfer, wurden (vorwiegend durch das Pfefferspray) verletzt.

          Der Vorgang ist weder von der Polizei noch von der zuständigen Staatsanwaltschaft abschließend untersucht. Und anders als unmittelbar nach der Love-Parade-Katstrophe vor drei Jahren stellte sich Jäger diesmal nicht bedingungslos vor „seine“ Polizei, sondern sprach ausdrücklich selbst davon, dass es auf allen Seiten noch „offene Fragen“ gebe. Doch offensichtlich wollte sich Jäger trotzdem nicht die Chance entgehen lassen, ein Exempel für die gesamte Bundesliga zu statuieren und die Diskussion darüber neu zu entfachen, ob Bundesligavereine künftig für Polizei-Einsätze bezahlen sollen.

          Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD)

          Schon im vergangenen November hatte der nordrhein-westfälische Innenminister von einem „Alarmsignal“ gesprochen, weil es „von Jahr zu Jahr mehr Ausschreitungen und mehr Gewalttäter im Stadion und im Umfeld der Bundesligaspiele gibt“. Die nähmen rund 660 Millionen Euro aus dem Verkauf der Fernsehverwertungsrechte ein. Ein Teil davon müsse umgehend in Präventionsmaßnahmen investiert werden, forderte Jäger. „Es ist nicht hinnehmbar, dass nur für die sichere Durchführung von Bundesligaspielen bundesweit inzwischen rund 1,9 Millionen Arbeitsstunden von Polizistinnen und Polizisten notwendig sind.“

          Während Jäger von den Polizeigewerkschaften für seinen „Schalke-Schock“ gelobt wird, wird er von der Opposition heftig kritisiert. Tatsächlich birgt seine Entscheidung – auch für ihn selbst – manches Risiko: Zwar haben die Vereine das Hausrecht, ihnen obliegt auch, für Sicherheit im Stadion zu sorgen. Doch laut Polizeigesetz ist die Polizei nicht nur für die Strafverfolgung, sondern auch für die Gefahrenabwehr zuständig. Bei manchen Vereinen hat sich eben deshalb bewährt, dass die Polizei nicht nur zu Präventionszwecken gleich im Stadion präsent ist.

          Es sei klar, „dass die Polizei ins Stadion kommt, wenn die Ordnungskräfte überfordert sind und um Hilfe bitten“, sagt auch Jäger. Sollte die Polizei nach seiner Lex Schalke allerdings demnächst einmal nicht rechtzeitig „auf Schalke“ erschienen, hätte auch der Innenminister ein dickes Problem. Wohl auch deshalb signalisierte Jäger Gesprächsbereitschaft. Für Verhandlungen mit Schalke 04 bleibt noch eine Woche Zeit, denn an diesem Samstag hat der Verein erst einmal ein Auswärtsspiel.

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