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Politischer Aschermittwoch : Maß halten und fit werden

Stoiber und Seehofer beim politischen Aschermittwoch Bild: REUTERS

Beim politischen Aschermittwoch musste sich Horst Seehofer dieses Jahr zurückhalten - mit seinem Amt als Übergangs-Bundespräsident schien die gewohnte Derbheit nicht vereinbar. Deshalb übernahm Edmund Stoiber.

          Die Fastenzeit ist eine Zeit der Mäßigung, auch und gerade in Bayern. Statt einem saftigen, zwei Finger dicken Leberkäse klemmen am Aschermittwoch in der Passauer Dreiländerhalle nur zwei verschwitzte Scheiben Emmentaler oder „Lachsersatz“ in der Semmel. Die Mäßigung, die sich Horst Seehofer dieses Mal auferlegt, hat allerdings wenig mit Brauchtum, sondern mit den ganz besonderen Umständen des Aschermittwochs 2012 zu tun.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Seit sechzig Jahren zählt es zu den Amtspflichten eines CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten, zur Mehrung des eigenen Ruhms sowie zur Belustigung des bayerischen Volkes an diesem Tag den politischen Gegner von Passau aus mit ausgesuchter Derbheit und verbalen Schlägen von besonderer Härte zu traktieren. Doch der Rücktritt Christian Wulffs am vergangenen Freitag durchkreuzt dieses Ritual, weil Seehofer als derzeitiger Präsident des Bundesrates bis zur Wahl Joachim Gaucks auch die Amtsgeschäfte des Bundespräsidenten zu führen hat.

          Bereits in der Nacht auf Freitag, noch Stunden vor der Rücktrittserklärung Wulffs, dämmerte es der CSU, dass es mit den auf Seehofer zukommenden, interimsstaatsoberhäuptlichen Aufgaben unvereinbar sein könnte, in Passau auf die gewohnte Weise auszuteilen. Unmöglich wäre es, wenn Seehofer in dieser Position gegen die Euro-Retter stänkerte, undenkbar, wenn er einen Tag vor der Gedenkfeier für die Opfer des NSU-Terrors am Donnerstag beim Aschermittwoch die Schweinshaxen gegen die Dönerspieße verteidigte.

          Bedächtigen Schrittes zur Blaskapelle

          Seehofer gibt sich also alle Mühe, dass man ihm die neuen staatsmännischen Pflichten, die auf seinen Schultern ruhen, schon beim Gang zum Rednerpult anmerkt - solch bedächtigen Schrittes hat sich schon lange niemand mehr neben eine Blaskapelle gestellt. Nicht Spott, sondern ein mit Milde vorgetragener Stolz prägt dann auch seine Rede. Bayern, du Maß aller Dinge, das ist die Formel, die Seehofer für jedes Politikfeld durchexerziert. Und wenn er doch einmal einen Angriff auf den politischen Gegner wagt, verwendet er als Schutzschild ein Zitat: Kretschmann, der grüne Kollege in Stuttgart, habe schon recht, der Länderfinanzausgleich sei in der Tat ein „bescheuertes System“, das man reformieren müsse. Am bissigsten ist Seehofer nicht nur in Richtung der anderen Parteien, sondern, als er mit selbstironischer Spitze in die eigene Partei sagt: „Wir sind das Original, die anderen die Plagiate.“ So tief ist der Stern Karl-Theodor Guttenbergs also gesunken, dass man sich vor mehreren tausend CSU-Anhängern über ihn lustig machen kann.

          Eine Rede zum Aschermittwoch ist die Rede Seehofers nicht. Das nach Passau angereiste Parteivolk nimmt es mit Langmut - Seehofer könnte es ja besser, wenn er nur dürfte - und der Höhepunkt des Vormittags folgt ja erst noch. Denn in seiner Not hat das CSU-Präsidium am Samstag beschlossen, den vor fünf Jahren gestürzten Edmund Stoiber zu reaktivieren und den politischen Aschermittwoch 2012 mit gleich zwei Hauptrednern zu bestreiten. Mit der Rückkehr Stoibers auf die große Bühne vermied die Parteiführung auch eine Antwort auf die Frage, wer denn sonst geeignet wäre, für den umständehalber unpässlichen Parteivorsitzenden in die Bresche zu springen.

          Jeder jüngere, der sich in diese Rolle begeben hätte - Landesfinanzminister Markus Söder und Landesinnenminister Joachim Herrmann waren gerüchteweise dafür im Gespräch -, wäre sogleich als der potentielle Nachfolger Seehofers gesehen und beschrieben worden. Die Brisanz dieser Frage ist so offenkundig, dass Seehofer selbst in einem Interview als einen Grund für das Zurückgreifen auf Stoiber nannte, man wolle in Passau keinen Kronprinzen präsentieren.

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