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Zwischenkriegszeit : Zwischen Abwehr und Anlehnung

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Das Reichstagsgebäude in Berlin am 3. Oktober 1990 Bild: dpa

Von 1925 bis 1930 gab es 220 deutschsprachige Parlamentarier in Volksvertretungen Ostmitteleuropas; vereinzelt hatten Angehörige der deutschen Minderheit sogar Ministerposten inne.

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          Im Jahr 1907 saßen fast dreißig Abgeordnete nichtdeutscher Nationalität im Deutschen Reichstag - darunter die Herren Grégoire, Labroise und de Wendel aus Lothringen, Hanßen aus Nordschleswig und von Chrzanowski, von Brudzewo-Mielzynski, von Chlapowo-Chlapowski, von Trzcinski, von Czarlinski sowie von Grabski aus der preußischen Provinz Posen. Nach 1919 allerdings kehrte sich die Situation infolge der Gebietsabtrennungen des Versailler Vertrags und besonders nach dem Auseinanderbrechen der Habsburger Monarchie geradewegs um: Nun wiederum waren deutschstämmige Abgeordnete in zahlreichen außerdeutschen Parlamenten vertreten.

          Diesem bisher wenig bearbeiteten und kaum beachteten Gegenstand widmet sich ein neuer, inhaltlich sehr instruktiver und informationsreicher Band, der Beiträge zu Parlamentsabgeordneten deutscher Minderheiten in den Volksvertretungen Dänemarks, der Tschechoslowakei, der baltischen Staaten, Ungarns, Rumäniens, Italiens sowie des (später Jugoslawien genannten) „Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen“. Leider fehlt das noch in der Einleitung genannte Polen.

          Obwohl der Parlamentarismus Ostmitteleuropas (oder auch „Zwischeneuropas“, um einen zeitgenössischen Begriff zu gebrauchen) durch die vor allem seit Ende der 1920er Jahre allgemein spürbare Krise der Demokratie in Europa zu leiden hatte, gab es dennoch ein erstaunlich reges parlamentarisches Leben in diesen nach 1918/19 meist neu entstandenen Staaten, an dem nach schwieriger Anfangsphase auch zahlreiche deutsche Abgeordnete der nunmehrigen nationalen Minderheiten ihren Anteil hatten. Und dies keineswegs ohne begrenzte Erfolge: Immerhin gab es nach neueren Berechnungen allein zwischen 1925 und 1930 insgesamt etwa 220 deutschsprachige Parlamentarier in ostmitteleuropäischen Volksvertretungen, dazu ein gut ausgebautes Netz von Parteien, politischen Vereinen und Presseorganen; vereinzelt hatten Angehörige der deutschen Minderheit sogar Ministerposten inne. Hinzu kam sogar eine übernationale Organisation, der „Verband der Deutschen Volksgruppen in Europa“, geleitet von zwei Rumäniendeutschen aus Siebenbürgen.

          Gleichwohl blieben die Voraussetzungen und auch die Erscheinungsformen des öffentlich-politischen Engagements von Vertretern der deutschen Minderheiten in den ostmitteleuropäischen Ländern höchst unterschiedlich ausgeprägt - je nachdem, ob sie in ihren Wirkungsmöglichkeiten nicht eingeschränkt waren oder eben doch behindert wurden, etwa durch restriktive Wahlrechtssysteme oder auch durch Sprachverordnungen. Denn mehrsprachige Parlamente (wie einst der Wiener Reichsrat der alten Monarchie bis 1918), in denen die Deutschen auch ihre Muttersprache gebrauchen konnten, gab es lediglich in Lettland und in der Tschechoslowakischen Republik.

          Die von den Minderheitsvertretern jeweils verfochtene parlamentarisch-politische Taktik orientierte sich stark an den nationalen Gegebenheiten: Neben Formen defensiver Abwehr und Verteidigung eigener Rechtspositionen standen manchmal jedoch ebenfalls eine „aktiv-aufbauende Taktik“ (Hans-Christian Maner) sowie, als dritte Vorgehensweise, die mehr oder weniger offene Anlehnung an das immer noch keineswegs politisch ohnmächtige Mutterland. Eine gewisse Gegenwartsaktualität ist dem Thema des Bandes und seinen Beiträgen schon insofern zuzusprechen, als Nationalitätenkonflikte und Probleme des Minderheitenschutzes auch im nach 1990/91 entstandenen neuen Europa leider noch keineswegs der Vergangenheit angehören.

          Benjamin Conrad/Hans-Christian Maner /Jan Kusber (Herausgeber): Parlamentarier der deutschen Minderheit im Europa der Zwischenkriegszeit. Droste Verlag, Düsseldorf 2015. 288 S., 49,80 €.

          Von 1925 bis 1930 gab es 220 deutschsprachige Parlamentarier in Volksvertretungen Ostmitteleuropas.

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