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Zuweilen mörderisch : Und das ist noch nicht der letzte Termin

Der Bundestag gedenkt des verstorbenen Vizepräsidenten Thomas Oppermann. Bild: Imago

„Faulenzer“ sind Politiker ganz sicher nicht. Dieses Buch eröffnet eindrucksvolle Einblicke.

          4 Min.

          Helge Lindh ist ein erfolgreicher Innenpolitiker der SPD. Politikbeobachtern fällt zu ihm einiges ein, sein Besuch auf dem Rettungsschiff Sea Watch im Mittelmeer etwa oder ein Lied von Konstantin Wecker, das er in einer Bundestagsrede über Hasskriminalität zitierte. Ein engagierter und überzeugter Sozialdemokrat mit Direktmandat. Doch es gibt noch einen anderen Helge Lindh, den man kennenlernt, wenn man ihn am Freitagnachmittag nach Wuppertal begleitet. Nach einer aufreibenden Sitzungswoche ist er müde und abgekämpft. Ankunft 18:38 Uhr, doch Lindh kann noch nicht nach Hause, er eilt direkt in sein Wahlkreisbüro, wo Kulturinteressierte zu einer Vernissage zusammenfinden. Am nächsten Morgen um 8 Uhr der nächste Termin bei der Sozialstation der Diakonie, nach zwei Stunden muss er zum „Demokratischen Frühstück“, er gibt der Lokalpresse ein Interview, dann geht es weiter zu einer Moschee, verunsicherten Muslimen Mut zusprechen. Und das ist noch nicht der letzte Termin an diesem Samstag.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Die Journalisten Peter Dausend und Horand Knaup waren es, die Helge Lindh nach Wuppertal begleitet haben. Ihr Buch „Alleiner kannst du gar nicht sein“ nähert sich den Abgeordneten des Bundestags aus einer ungewohnten Perspektive. Im Zentrum stehen die Menschen hinter ihren Funktionen und Ämtern – ihre Ängste, ihre Einsamkeit, ihre Suchtprobleme und anderen Schwächen. Diese Seiten versuchen Politiker normalerweise zu verstecken, denn in ihrer Welt zählt Stärke. Mehr als 50 Abgeordnete ließen sich trotzdem befragen, Männer und Frauen, quer durch alle Fraktionen und Altersgruppen, vom Parlamentsneuling bis zum Fraktionsvorsitzenden, vom Hinterbänkler bis zum Bundestagspräsidenten. Manche sprachen sehr offen, andere bestanden auf Anonymisierung.

          Die Geschichten, die Dausend und Knaup über Leben und Leiden der Abgeordneten erzählen, heischen nicht um Mitleid. Zu Recht, denn die Politiker haben für gewöhnlich ihren Weg in Kenntnis aller Umstände selbst gewählt. Doch wie brutal der politische Betrieb sein kann, zeichnen die Autoren anschaulich nach. Bei der Lektüre muss man über manche Anekdote schmunzeln, aber mit den Protagonisten tauschen möchte man nicht. Trotz ihres zweifellos spannenden und einflussreichen Berufs.

          Wie eng das Korsett in Berlin ist, zeigen die Berichte über die Disziplinierung von Abgeordneten, deren Gewissen etwas anderes sagt als die Fraktionsspitze. Nachdem die SPD-Finanzexpertin Cansel Kiziltepe sich geweigert hatte, Auslandseinsätzen der Bundeswehr und Verschärfungen des Asylrechts zuzustimmen – ein Versprechen, das sie vor der Wahl gegeben hatte –, wurde sie von der eigenen Fraktion zunehmend ausgegrenzt. Nach Dausends und Knaups Recherchen ist die Abberufung aus einem Ausschuss die typische Sanktion für unbotmäßiges Verhalten. Das koste sie nur eine Unterschrift, soll die Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles Kiziltepe in einem Vieraugengespräch gedroht haben. „Du wirst frühmorgens vorgeladen, musst da hinkommen, und dann wird dir erzählt, wie scheiße du bist“, so beschreibt eine andere Sozialdemokratin den Führungsstil eines Fraktionschefs. Als der langjährige CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach 2011 die Griechenland-Hilfen nicht unterstütze, musste er sich vom damaligen Kanzleramtschef Roland Pofalla anhören: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“

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