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Zerrissenes Leben : Von Beginn an ein Fremder

  • -Aktualisiert am

Otto John. Bild: dpa

Er baute den Verfassungsschutz auf und verhedderte sich in den Untiefen des Geheimdienstwesens. Der Fall Otto John.

          4 Min.

          Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte finden sich die Grabstellen so einiger, die am missglückten Attentat auf den Diktator Adolf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt waren. Darunter war Hans John (1911–1945), ein Jurist, der im August 1944 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und von einem Sonderkommando aus dem Reichssicherheitshauptamt erschossen worden war. Seinem Bruder Otto John (1909–1997) dagegen, später erster Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (1950–1954), gelang die Flucht aus Deutschland. Er hatte ebenfalls an den Vorbereitungen zum Umsturzversuch mitgewirkt, mit ihm wuchs Hans John während ihrer Kindheit in einem Zimmer in Wiesbaden auf, zusammen wohnten sie von 1942 an in Berlin. Beide schienen symbiotisch verbunden.

          Ebendieser Friedhof liegt nur ein paar hundert Meter von der Charité entfernt, jenem Ort, an dem sich Otto John zehn Jahre später, nach Feierlichkeiten am 20. Juli 1954 im Westteil Berlins, aufgehalten hat. An jenem Tag hatte er den vertrauten Arzt Wolfgang Wohlgemuth in der Uhlandstraße aufgesucht, die sich nur eine Viertelstunde vom Friedhof entfernt befindet. Es ist diese eine Viertelstunde, die die nächsten vier Jahrzehnte im Leben Otto Johns prägten; die Öffentlichkeit, Medien, Nachrichtendienste und Historiker beschäftigten. Der Betroffene selbst will sich noch an die Autofahrt mit Wohlgemuth über Kurfürstendamm und Grolstraße, nicht aber mehr an den Kontrollposten zum Ostteil der Stadt an der Sandkrugbrücke, geschweige denn das Verlassen des Fahrzeugs an der Charité und als Fußgänger auf der Luisenstraße erinnern. „Ich sah dicke Regentropfen auf der Scheibe und der Motorhaube“, vermerkte Otto John später in seiner Biographie, und: „An alles Folgende kann ich mich nicht mehr erinnern. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Sofa im Haus des sowjetischen Geheimdienstes in Berlin-Karlshorst.“ Der in Berlin (West) praktizierende Wohlgemuth stand in sowjetischen Diensten, berichtete von dem vielfach geäußerten Wunsch Johns, das Grab seines Bruders aufsuchen zu wollen. Unweit dessen sei er von einem Dr. Schneider angesprochen und zu einer Feier eingeladen worden. – So weit ein mögliches Szenario, während sich John später als entführt darstellte. Nur: Die über 400 in die DDR Entführten gelangten in Haft, wurden teils zum Tode verurteilt, während sich Otto John auf freiem Fuß in Ost-Berlin bewegte, öffentlich präsent war, bald täglich in der Friedrichstraße – eine S-Bahn-Station von Berlin (West) entfernt – zu Mittag aß.

          Die Frage, ob freiwillig auf dem Weg zum Grab des Bruders in Berlin-Mitte gefahren oder betäubt in die Fänge der sowjetischen Auslandsspionage nach Berlin-Karlshorst entführt, bildet eine Schlüsselstelle in der jüngst erschienenen Biographie zu Otto John, die die beiden Historiker Benjamin Carter Hett und Michael Wala vorlegen. Ihre Antwort: „Tatsächlich war der geplante Friedhofbesuch eine durchsichtige, vermutlich nachträglich erfundene Ausrede für die Fahrt in den Osten (der Friedhof war schon geschlossen, als sich John vom Hotel aus auf den Weg zu Wohlgemuth machte).“ In Wirklichkeit „befanden sich Wohlgemuth und John auf dem Weg zu einem Treffen mit hochrangigen KGB-Offizieren. ,Dr. Schneider‘ heißt eigentlich Wadim Kutschin und arbeitete für die sowjetische Auslandsspionage.“ Diese Feststellungen beruhen wesentlich auf Angaben, die im Jahre 1997 von Sergej A. Kondraschow, ehemals Leiter der Deutschland-Abteilung des sowjetischen Nachrichtendienstes KGB, mit Blick auf russische Akten getroffen wurden. Die standen jedoch den Historikern für die Biographie nicht zur Verfügung, folglich erfährt der Leser also in dieser Sache nichts Neues.

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