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Zerrissenen Jahre 1918-1938 : Schlachtfelder in den Köpfen

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Josef der Zärtliche: Stalin mit seiner Tochter Swetlana Bild: Carl Hanser Verlag

Der Erste Weltkrieg war kein Kampf zwischen Heroen, sondern eine Auseinandersetzung zwischen Maschinen, denen Soldaten zum Opfer fielen, ohne den Gegner überhaupt gesehen zu haben.

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          Historische Bücher, die in Publikumsverlagen erscheinen, müssen nicht nur die Erwartungen von Historikern bedienen, sondern auch Leser zufriedenstellen, denen die Fachwissenschaft einerlei ist. Gewöhnlich schreiben Historiker im Modus der Chronologie und der Kausalität. Ereignisse werden in der Zeit durch eine Verursachungsgeschichte miteinander verbunden. Obwohl jeder weiß, dass es auch immer anders kommen kann, ist der Leser dankbar, wenn ihm das Geschehen in seiner Zwangsläufigkeit erzählt wird. Denn der Geschichtsschreiber soll die Leser nicht ohne Orientierung zurücklassen. Auch Philipp Blom schreibt im Modus der Chronologie. Aber er verzichtet auf Kausalität und Zwangsläufigkeit. Stattdessen erzählt er Episoden, die typisch sein sollen für die Jahre, denen er sie zuordnet.

          In 21 Kapiteln, die jeweils einem Jahr gewidmet sind, erzählt er, was er für die Essenz der Zwischenkriegszeit hält. Im kollektiven Gedächtnis der Europäer steht das Jahr 1918 für das Ende des Ersten Weltkriegs und die Unterzeichnung des Versailler Vertrags, die Jahre 1923 und 1929 für die Hyperinflation und den Crash an der Wall Street, das Jahr 1933 für die „Machtergreifung“ Hitlers. Blom aber erzählt das Geschehen Jahr für Jahr aus unterschiedlichen Perspektiven und abseits der bekannten Ereignisse. In der Darstellung des Typischen sollen, so schreibt Blom, die „Umrisse eines Gesamtbildes der gefühlten Zeit“ sichtbar werden.

          Über allen Kapiteln schweben die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges. Sie veränderten das Zeitgefühl der Menschen, radikalisierten, was vor dem Krieg schon als Möglichkeit gedacht worden war. Denn das nervöse Zeitalter hatte bereits im 19. Jahrhundert begonnen: die Beschleunigung des Lebens, der Siegeszug der Maschinen in den Fabriken und Kasernen, die Ausdehnung der Verkehrswege und der Anfang des Massenkonsums, die Anonymität und der Lärm der Großstädte, die den Menschen das Gefühl gaben, die Technik nicht nur zu meistern, sondern ihr auch ausgeliefert zu sein. Der Krieg war kein Kampf zwischen Heroen, sondern eine Auseinandersetzung zwischen Maschinen, denen Soldaten zum Opfer fielen, ohne den Gegner überhaupt gesehen zu haben.

          Fast alle Soldaten haben später von der Hölle gesprochen, in der Maschinen und Technik über Leben und Tod entschieden hätten. Schon nach wenigen Tagen wurden sie als Krieger und Individuen ausgelöscht. Die Sinnlosigkeit des großen Schlachtens stellte alles in Frage, woran vernunftbegabte Zeitgenossen einmal geglaubt hatten. Und dennoch war der Krieg nicht nur Abschreckung, von vielen wurde er auch als Möglichkeit wahrgenommen, große Aufgaben zu bewältigen und endgültige Lösungen zu finden. Als der Krieg vorbei war, meint Blom, habe er sich vom Schlachtfeld in die Köpfe verlagert.

          Die Moderne hatte für Millionen Menschen die Möglichkeiten erweitert, am politischen Leben teilzuhaben, weil Waren und Informationen schnell von einem Ort zum anderen transportiert wurden, weil jeder in den Besitz von Informationen geraten und deshalb Teil eines großen Ganzen werden konnte. Parteien, Gewerkschaften, die Frauenbewegung - sie waren Ausdruck einer sozialen Mobilität, die nach Mitsprache und Gleichberechtigung verlangte. Aber alle Auseinandersetzungen um das richtige Leben wurden durch die Erfahrungen des zurückliegenden Krieges strukturiert. Deshalb beginnt Blom seine Erzählung mit einem Bericht über traumatisierte Soldaten, die 1918 in die Gesellschaft des Friedens integriert werden mussten. In allen Gesellschaften Europas gab es „Zitterer“, die körperlich versehrt, psychisch aber zerstört waren. Millionen Soldaten mussten in den Arbeitsprozess integriert werden, der keine Helden mehr brauchte, sondern nach Funktionsträgern verlangte. Als Helden waren sie in den Krieg gezogen, als gebrochene Menschen waren sie in die Heimat zurückgekommen, mit der Erfahrung, dass der Held weder im Krieg noch im zivilen Leben einen Platz finden konnte.

          Auf diese Erfahrung der Entwurzelung und Bedrohung gaben die Zeitgenossen unterschiedliche Antworten. Blom beschreibt die Diktatur des Dichters und Abenteurers Gabriele D’Annunzio in der Stadt Fiume im Jahr 1919, die blutige Niederschlagung des Matrosenaufstandes in Kronstadt im Jahr 1921 und die kommunistischen Arbeiterrevolten in Deutschland, die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen linken Kampfbünden und der Polizei im Wien des Jahres 1927 und die Aktionen des amerikanischen Ku-Klux-Klan. Die Rassisten konnten nicht verwinden, dass Zehntausende schwarze Soldaten in Europa gewesen und den Ideen der Gleichberechtigung begegnet waren. Im Schützengraben hatte es keine Klassen- und keine Rassenunterschiede gegeben. Im Angesicht des Todes waren alle gleich. Und nun warf man den schwarzen Soldaten vor, Träger bolschewistischer Ideen und eine Gefahr für die amerikanische Demokratie zu sein.

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