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Zeitzeuge : Warnung vor starken Männern

Paul Lendvai am 18. März 2013 in Wien Bild: Manfred Weis

Er hat den Eisernen Vorhang erlitten - und ihn überwunden. Paul Lendvai erinnert sich.

          3 Min.

          Was heute vielen die Klimakrise oder die Massenmigration nach Europa ist, war in den Jahren von Paul Lendvais Jugend die Angst vor Stalin und der Sowjetunion, der die Angst vor Hitler vorausgegangen war. Für den österreichischen Publizisten ungarisch-jüdischer Herkunft, der unlängst 90 Jahre alt geworden ist, waren diese Ängste existentiell. Hitlers Regime hatte große Teile seiner Familie vernichtet, und dem Stalinismus entzog er sich, nach einer Phase des Mittuns, 1957 durch Flucht: „Ich kam nach Österreich als ein Mensch, der sich nach den eigenen jugendlichen Irrwegen für die Wahrheit und gegen die Lüge, für die unperfekte Demokratie und gegen den Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, entschied.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Wer Lendvai liest oder Lendvai begegnet, kann leicht vergessen, dass hier ein Überlebender spricht, denn Misanthrop oder Zyniker ist er nicht. Skeptiker aber durchaus: „Im Lauf meines Lebens habe ich so viele gewagte Thesen gehört, dass ich eine gesunde Portion Skepsis gegenüber großen Entwürfen und waghalsigen Spekulationen über unsere Zukunft entwickelt habe“, bescheinigt sich der publikationsfreudige Journalist in „Die verspielte Welt“, seinem jüngsten in einer Reihe von Büchern, in denen er persönliche Begegnungen mit Gestalten der Zeitgeschichte schildert.

          Das Buch beginnt und endet denn auch mit einer Warnung vor der fatalen Sehnsucht nach (vermeintlich) „starken Männern“, wie sie etwa in Erdogans Türkei, Putins Russland und, unter demokratischen Umständen, in den Vereinigten Staaten an der Macht sind. Auf den 230 Seiten dazwischen unternimmt Lendvai eine Tour d’Horizon durch halb Europa und ein Dreivierteljahrhundert. Wir begegnen George Soros (mit dem Lendvai die Herkunft aus einer Familie des assimilierten ungarischen Judentums gemein hat), Bruno Kreisky und heute schon fast wieder vergessenen Intellektuellen wie Walter Laqueur, Melvin Lasky oder Lord Weidenfeld.

          Am besten ist das Buch da, wo Begebenheiten jenseits des Googelbaren und wikipedianisch Erschließbaren geschildert werden. Wenn der Autor rassistische Albanerwitze zitiert, die in Titos Jugoslawien erzählt wurden, verleiht das seiner Schilderung des Kosovo-Konflikts und seiner Vorgeschichte eine alltagsgeschichtliche Kontur, die vieles deutlich werden lässt. Unübertrefflich prägnant ist die Anekdote über einen jugoslawischen Spitzenfunktionär, der in der Endzeit Jugoslawiens, als die Nationalitätenkonflikte immer bedrohlicher wurden, einem westlichen Besucher gesagt habe: „Wenn jemand uns angreifen oder unsere Unabhängigkeit bedrohen sollte, dann würden wir keine Zwistigkeiten untereinander haben, sondern geschlossen dem Angriff von außen standhalten.“ Der Besucher habe aufmerksam zugehört und höflich gefragt: „Und was wird geschehen, wenn niemand Jugoslawien angreift?“

          Die Geschichte davon, wie der deutsche Schriftsteller Peter Härtling zu seiner Zeit in der Geschäftsleitung des S. Fischer Verlags in Frankfurt aus ideologischen Gründen erfolgreich gegen das Erscheinen eines Lendvaischen Buches über den Antisemitismus im Ostblock intrigierte, ist lange her, aber nicht obsolet. Wer wird davon lesen, ohne daran zu denken, wie gewisse Kreise heute versuchen, muslimischen Antisemitismus kleinzureden mit dem Argument, das könne „Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen“ sein? Irgendeine Mühle klappert eben immer am rauschenden Bach des ideologisch verbrämten Zynismus, wie Lendvai in vielerlei Variationen schildert. Bedauerlich ist allenfalls, dass der 2017 gestorbene Härtling zu den durch eine seinerzeit geführte Korrespondenz belegten Vorwürfen nicht mehr Stellung nehmen kann.

          Bemerkenswert ist auch die Geschichte von einem nicht mehr ganz jungen Tschechen, dem Lendvai im November 1989 erstmals begegnet. Als vorsichtig, fast schüchtern beschreibt er das damalige Auftreten des Ökonomen Václav Klaus, um anhand vieler weiterer persönlicher Begegnungen dann dessen Wandel zu einem vor lauter Begeisterung über die eigene Bedeutung aufgeplusterten Narziss zu schildern.

          Einwände? Durchaus. Nicht alle Anekdoten münden in starke Pointen, und bei manchen ist der Verdacht nicht ganz auszuschließen, ihr einziger Zweck sei es, die Bekanntschaft des Verfassers mit den darin vorkommenden Persönlichkeiten der Zeitgeschichte zu demonstrieren. Hätte ein Lektorat die in ihrer Häufigkeit doch etwas irritierenden Verweise des Autors auf seine eigenen Bücher gestrichen, wäre das schwerlich zum Schaden des Buches gewesen. Manch einem dürfte auch das Wort „ich“ zu oft vorkommen in den Zeilen dieses Buches. Aber wie könnte das anders sein in einem Erinnerungsbuch – zumal dem eines 90 Jahre alt gewordenen Zeitzeugen? Man kann so viel erfahren, wenn dieser unverwechselbare Publizist erzählt, dass kleinere Mängel die Lektüre nicht ernsthaft trüben. In Paul Lendvai verbinden sich reiche Lebenserfahrung mit einer nimmermüden Neugier auf Menschen und Zusammenhänge. Davon zeugt auch dieses Buch.

          Paul Lendvai: Die verspielte Welt. Begegnungen und Erinnerungen.

          Ecowin Verlag, Salzburg 2019. 240 S., 24,– .

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