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Zeitalter der Weltkriege : In den Korridoren des Chaos

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Ian Kershaw am F.A.Z. Stand auf der Frankfurter Buchmesse am 16.10.2008 Bild: Daniel Pilar

Ian Kershaw hat sich nicht mehr und weniger vorgenommen als eine zweibändige Gesamtdarstellung des an Katastrophen und Aufschwüngen kaum zu überbietenden Geschichtsverlaufs im Europa des 20. Jahrhunderts. Der „Höllensturz“ ist Band 1 des Gesamtwerks.

          Aus heutiger Sicht ist die katastrophale erste Hälfte des 20. Jahrhunderts schon graue Vorvergangenheit. „Es ist wie ein anderer Planet, dem man mit Befremden begegnet“, hat Ian Kershaw in einem Interview zum Erscheinen der englischen Originalausgabe den Sachverhalt auf den Punkt gebracht. Die Monographie liegt nun in tadelloser deutscher Übersetzung vor - ein Meisterwerk. Unablässig, doch oft mit politischen Hintergedanken, verlangt die Öffentlichkeit nach der „großen Erzählung“. Das vorliegende Werk ist ein Beispiel dafür, wie man dem Wunsch entsprechen kann, ohne tendenziös von der Wahrheit abzuweichen.

          Kershaw selbst bedarf keiner großen Vorstellung. Deutschland ist ihm genauso vertraut wie das heimische England. Er hat in Oxford studiert, als Professor für Neuere Geschichte vor allem an der Universität Sheffield gelehrt, ist inzwischen emeritiert und mit 73 Jahren weiter von rühmenswerter Produktivität. Das große Thema seines Lebenswerks aber ist der Nationalsozialismus in der fatalen ersten Halbzeit des 20. Jahrhunderts. Nimmermüde nimmt er an den entsprechenden Diskursen der deutschen Historiker teil. Mit seiner gesellschaftsgeschichtlich grundierten zweibändigen Hitler-Biographie hat er auch beim deutschen Lesepublikum Ansehen erworben.

          Nun lernen wir einen ganz neuen Ian Kershaw kennen. Es geschieht vergleichsweise selten, dass ein Historiker in leicht vorgerücktem Alter seine Netze nochmals ganz weit auswirft. Kershaw hat sich nicht mehr und weniger vorgenommen als eine zweibändige Gesamtdarstellung des an Katastrophen und Aufschwüngen kaum zu überbietenden Geschichtsverlaufs im Europa des 20. Jahrhunderts. Der „Höllensturz“ ist Band 1 des Gesamtwerks. Das Buch ist hervorragend komponiert: zehn chronologisch angelegte Teile, beginnend mit der bereits spürbar ambivalenten Epoche vor 1914 („Am Abgrund“) bis zu der für viele Millionen weiterhin schrecklichen Nachkriegszeit 1945 bis 1949. Dazwischen liegen die Höllenjahre der Weltkriege und die labilen Erholungspausen der Katastrophenepoche von 1914 bis 1945, die nur wenige neutrale Länder verschont hat. Übersichtliche Unterkapitel erfassen alle Länder Europas, die Großmächte, deren Regierungen Schicksal spielten, doch ebenso die mittleren und die kleinen Staaten, Demokratien und Diktaturen, Kriege, Bürgerkriege, die Wirtschaftskrisen, Ideologien, Technik und Geistesleben, nicht zuletzt aber die einfachen Individuen, Täter und Opfer im monströsen Geschichtsprozess. Quersumme der weitgespannten Analysen: Alles in allem waren es „Höllenjahre“. Mit dem prophetischen amerikanischen Historiker Henry Adams könnte man auch von einem „Herumtappen in den Korridoren des Chaos“ sprechen.

          Durchgehende Leitthemen sind: die Explosion zusehends brutaler ethnisch-rassistischer Nationalismen, mörderischer Judenhass mit inbegriffen; die akuten Klassenkämpfe in so gut wie allen Ländern Europas, wobei das bolschewistische Russland als Schreckbild oder als trügerisches Vorbild fungierte - verbunden mit einer lang anhaltenden Krise des Kapitalismus, auch sie eine Folge des selbstzerstörerischen Ersten Weltkriegs, gefolgt von Fehlern der Sieger.

          Kershaw ist in der Präsentation einer Überfülle an fassbarem Detail ebenso stark wie in den analytischen Überlegungen und Bewertungen. Sein Differenzierungsvermögen, auch seine Verbindung von Nüchternheit und Empathie sind eindrucksvoll. Er ist inzwischen viel zu erfahren, um einseitig eine „Geschichte von unten“, also aus Sicht der Individuen, zu schreiben. Aber seine Forscherleidenschaft gehört nach wie vor der Alltagsgeschichte, und so lässt er häufig die Leidenden zu Wort kommen, die in die Höllen gerieten, doch auch jene ruchlosen oder idealistischen Täter an der Basis der Gesellschaft, die den Kannibalenhäuptlingen Hitler und Stalin „entgegenarbeiteten“.

          Wie es der neueren Forschungslage entspricht, widmet auch Kershaw den „bloodlands“ in Osteuropa und auf dem Balkan die gebührende Aufmerksamkeit. Judenhass und die Judenvernichtung wurden dadurch in einen erweiterten regionalen Kontext gerückt. Der Gelehrtenstreit mit politischen Untertönen darüber, ob die im Osten besonders teuflischen Großmächte Russland und Deutschland „totalitär“ genannt werden sollen, wird wohl nie zu Ende sein. Kershaw arbeitet jetzt mit dem Oberbegriff „dynamische Diktaturen“, insistiert aber auch weiter auf dem Faschismusbegriff zur Charakteristik des diktatorisch regierten Italien und Deutschland. Sei’s drum.

          Das Kunststück, eine ganz Europa umfassende Darstellung vorzulegen, sozusagen vom Atlantik bis zum Ural, ist jedenfalls voll gelungen. Kershaw ist gewiss nicht der erste Meister, der ein methodensicheres, detailliertes, und chronologisch angelegtes Panorama der europäischen Unheilsgeschichte erstellt hat. Man schmälert seine Verdienste nicht mit der Feststellung, dass ein grundlegend neues Bild der einstmaligen Entwicklung natürlich nicht möglich ist. Vieles, das meiste, ist ausdiskutiert und ausgeforscht. In Deutschland beispielsweise war die erste Gesamtdarstellung dieses Genres Karl Dietrich Brachers Klassiker „Europa in der Krise. Innengeschichte und Weltpolitik seit 1917“ (1979). Auch er wie so mancher Forscher nach ihm haben alle Register moderner Strukturanalyse gezogen und dabei manchmal andere Akzente gesetzt als Kershaw. Doch jede Generation von Historikern sieht sich eben aufgerufen, dieselbe Geschichte auf ihre Weise und mit neuen Forschungen zu interpretieren. Einen großen Wurf sollte man erst einmal uneingeschränkt ohne kleinteilige Beckmesserei begrüßen. Verzichten wir also an dieser Stelle darauf, da oder dort abweichende Auffassungen zu skizzieren.

          Kershaws Gesamtdarstellung ist nicht zuletzt deshalb so reizvoll, weil sie verschiedene Vorurteile widerlegt. Bürokratische Forschungspolitiker wollen uns heute weismachen, nur multinational und multidisziplinär zusammengesetzte Forscherteams könnten die Komplexitäten zeitgenössischer Geschichte erhellen. Dieses vielschichtige Werk, das aus einem Guss ist, beweist jedoch, dass ein einzelner Könner durchaus in der Lage ist, gestützt auf große Bibliotheken, voller Detailforschung ein wahrhaftiges Gesamtbild zu entwickeln.

          Auch die in der Historikerzunft von vielen genährten Vorurteile gegen die narrative Geschichtsschreibung werden hier sichtlich ad absurdum geführt, In früheren Büchern war Kershaw selbst bemüht, bestimmte theoretische Positionen prononciert zu exemplifizieren. Jetzt weiß er, dass Geschichte ohne methodologisches Wassertreten spannend, unter unablässigem Perspektivenwechsel erzählt werden kann, ja erzählt werden muss, will ein Historiker interessierte Nichthistoriker durch Darstellungen informieren, die lesbar sind, weil sie sprachlichen Glanz haben.

          Der bewundernswert zähe und fleißige Kershaw hat bereits den Folgeband in Arbeit, der die zweite Jahrhunderthälfte behandeln wird, die jedenfalls für den Westen Europas glücklicher ausgefallen ist als die Epoche des „Höllensturzes“. Der Titel der britischen Originalausgabe von Band 1 „To Hell and Back“ deutet die Wende zum Besseren schon an. Dementsprechend endet die Darstellung nicht im Jahr 1945. Das letzte Kapitel skizziert bereits den „Aufstieg aus der Asche“ während der noch höchst kritischen Nachkriegsphase von 1945 bis 1949.

          Wenn Historiker durch die Arbeit an großen Werken absorbiert sind, empfinden sie das bekanntlich oft gleichfalls wie eine Art Höllenjahre. Wünschen wir also Ian Kershaw, dass er heil hindurchkommt, bald glücklich auftaucht und uns auch mit dem Folgeband intellektuell bereichert.

          Hans-Peter Schwarz

          Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949. Deutsche Verlags- Anstalt, München 2016. 766 S., 34,99 €.

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