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Zeitalter der Weltkriege : In den Korridoren des Chaos

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Wie es der neueren Forschungslage entspricht, widmet auch Kershaw den „bloodlands“ in Osteuropa und auf dem Balkan die gebührende Aufmerksamkeit. Judenhass und die Judenvernichtung wurden dadurch in einen erweiterten regionalen Kontext gerückt. Der Gelehrtenstreit mit politischen Untertönen darüber, ob die im Osten besonders teuflischen Großmächte Russland und Deutschland „totalitär“ genannt werden sollen, wird wohl nie zu Ende sein. Kershaw arbeitet jetzt mit dem Oberbegriff „dynamische Diktaturen“, insistiert aber auch weiter auf dem Faschismusbegriff zur Charakteristik des diktatorisch regierten Italien und Deutschland. Sei’s drum.

Das Kunststück, eine ganz Europa umfassende Darstellung vorzulegen, sozusagen vom Atlantik bis zum Ural, ist jedenfalls voll gelungen. Kershaw ist gewiss nicht der erste Meister, der ein methodensicheres, detailliertes, und chronologisch angelegtes Panorama der europäischen Unheilsgeschichte erstellt hat. Man schmälert seine Verdienste nicht mit der Feststellung, dass ein grundlegend neues Bild der einstmaligen Entwicklung natürlich nicht möglich ist. Vieles, das meiste, ist ausdiskutiert und ausgeforscht. In Deutschland beispielsweise war die erste Gesamtdarstellung dieses Genres Karl Dietrich Brachers Klassiker „Europa in der Krise. Innengeschichte und Weltpolitik seit 1917“ (1979). Auch er wie so mancher Forscher nach ihm haben alle Register moderner Strukturanalyse gezogen und dabei manchmal andere Akzente gesetzt als Kershaw. Doch jede Generation von Historikern sieht sich eben aufgerufen, dieselbe Geschichte auf ihre Weise und mit neuen Forschungen zu interpretieren. Einen großen Wurf sollte man erst einmal uneingeschränkt ohne kleinteilige Beckmesserei begrüßen. Verzichten wir also an dieser Stelle darauf, da oder dort abweichende Auffassungen zu skizzieren.

Kershaws Gesamtdarstellung ist nicht zuletzt deshalb so reizvoll, weil sie verschiedene Vorurteile widerlegt. Bürokratische Forschungspolitiker wollen uns heute weismachen, nur multinational und multidisziplinär zusammengesetzte Forscherteams könnten die Komplexitäten zeitgenössischer Geschichte erhellen. Dieses vielschichtige Werk, das aus einem Guss ist, beweist jedoch, dass ein einzelner Könner durchaus in der Lage ist, gestützt auf große Bibliotheken, voller Detailforschung ein wahrhaftiges Gesamtbild zu entwickeln.

Auch die in der Historikerzunft von vielen genährten Vorurteile gegen die narrative Geschichtsschreibung werden hier sichtlich ad absurdum geführt, In früheren Büchern war Kershaw selbst bemüht, bestimmte theoretische Positionen prononciert zu exemplifizieren. Jetzt weiß er, dass Geschichte ohne methodologisches Wassertreten spannend, unter unablässigem Perspektivenwechsel erzählt werden kann, ja erzählt werden muss, will ein Historiker interessierte Nichthistoriker durch Darstellungen informieren, die lesbar sind, weil sie sprachlichen Glanz haben.

Der bewundernswert zähe und fleißige Kershaw hat bereits den Folgeband in Arbeit, der die zweite Jahrhunderthälfte behandeln wird, die jedenfalls für den Westen Europas glücklicher ausgefallen ist als die Epoche des „Höllensturzes“. Der Titel der britischen Originalausgabe von Band 1 „To Hell and Back“ deutet die Wende zum Besseren schon an. Dementsprechend endet die Darstellung nicht im Jahr 1945. Das letzte Kapitel skizziert bereits den „Aufstieg aus der Asche“ während der noch höchst kritischen Nachkriegsphase von 1945 bis 1949.

Wenn Historiker durch die Arbeit an großen Werken absorbiert sind, empfinden sie das bekanntlich oft gleichfalls wie eine Art Höllenjahre. Wünschen wir also Ian Kershaw, dass er heil hindurchkommt, bald glücklich auftaucht und uns auch mit dem Folgeband intellektuell bereichert.

Hans-Peter Schwarz

Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949. Deutsche Verlags- Anstalt, München 2016. 766 S., 34,99 €.

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