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Wunsch und Wirklichkeit : Stunde der Wahrheit für Berlin

Die „Weltkarte mit Zahlen“ im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden Bild: Frank Röth

Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz schreibt gegen die sehr deutsche Neigung an, sich überall heraushalten zu wollen.

          Der Titel klingt dramatisch, vielleicht etwas reißerisch: „Welt in Gefahr“. Es ist eine Variante von „Welt aus den Fugen“. Diese Metapher für die Fülle von Krisen, Kriegen und Konflikten war wiederum in den vergangenen Jahren en vogue. Wolfgang Ischinger, Praktiker der deutschen Außenpolitik und Impresario der internationalen Politik, gefragter Erklärer und Ratgeber, hat auf der Basis seiner langen Erfahrungen nun seine Schlussfolgerungen aus Unübersichtlichkeit und irritierender Unsicherheit gezogen, welche die Weltpolitik kennzeichnen – und Deutschland vor neue Herausforderungen stellt. Wobei das Wort „Herausforderungen“ die Dramatik der Lage und ihrer Vielschichtigkeit nicht wirklich wiedergibt. Wenn die Welt tatsächlich in Gefahr ist – etwa weil ein Umstürzler im Weißen Haus alte Partner wie Feinde behandelt; weil die Gefahr zwischenstaatlicher Kriege, auch zwischen Großmächten, erkennbar gestiegen ist; weil eine neue Systemkonkurrenz die Weltpolitik aufraut; weil Europa umgeben ist von einem Gürtel von Instabilität, manifesten Bedrohungen und latenten Gefahren –, dann müssten eigentlich die Alarmglocken läuten. Nicht zuletzt in Berlin.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          In dieser Situation, in der sich Gewissheiten auflösen und man sich nicht wie früher auf die Vereinigten Staaten verlassen kann (Angela Merkel), schlägt für die Europäer im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen die Stunde der Wahrheit. Es ist keine Überraschung, dass sich Ischinger für eine Stärkung der Europäischen Union ausspricht, etwas platt formuliert, für „mehr Europa“, gerade und vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik: „Europa muss militärisch mehr tun“, lautet sein Credo, denn die Zeit der Trittbrettfahrerei ist zu Ende.

          Den Deutschen möchte er am liebsten einen Weckruf verordnen, damit sie aus ihrer Lethargie erwachen und ihre Passivität überwinden; was vielleicht etwas ungerecht ist, denn so passiv und lethargisch sind sie gar nicht. Auch Ischinger stimmt in das Mantra ein, dass Deutschland mehr Verantwortung übernehmen und entsprechend politische, budgetäre und militärische Entscheidungen treffen müsse. Vehement widerspricht er Nostalgikern und Isolationisten jedweder Couleur, die noch immer glauben, Deutschlands Zukunft liege in der Selbstverzwergung, nach dem Motto „große Schweiz“. Schon der damalige Bundespräsident Gauck hatte vor ein paar Jahren überzeugend dargelegt, warum Deutschland, dessen Wohlergehen mehr als das anderer Staaten von einer liberalen Weltordnung abhängt, deren Regeln eingehalten werden, sich eben nicht heraushalten kann.

          Natürlich durchzieht auch die Enttäuschung über die politische Entwicklung jenseits des Atlantiks „Welt in Gefahr“. Denn es ist Präsident Trump, der diese Welt gefährlicher macht und Allianzen schwächt. Hierzulande verfolgen noch immer viele ungläubig, irritiert oder sogar entsetzt die Performance Trumps im Weißen Haus. Aber den Schlussstrich unter diese transatlantische Beziehung – den zieht Ischinger nicht. Von Amerika könne Deutschland sich nicht abnabeln, vielmehr müsse es seine eigene Handlungsfähigkeit stärken. Auch Ischinger hat den Westen nicht aufgegeben. „Europa kann auf die Allianz mit Amerika nicht verzichten.“ Das verbieten seine Interessen, und die Allianz der Multilateralisten, von der Außenminister Maas träumt, stößt schnell an Grenzen, wenn es um Macht und um Realpolitik geht.

          Das Buch ist für ein breites Publikum geschrieben, das sich für außenpolitische Dinge interessiert. Dieses Interesse wird dadurch belohnt, dass Ischinger immer wieder Erlebnisse von seinen diplomatischen Stationen zur Illustrierung heranzieht: etwa wenn er seinen ersten Arbeitstag als deutscher Botschafter in Washington beschreibt, es war der 11. September 2001, oder wenn er schildert, wie er 1989 als relativ junger Diplomat aus dem Umkreis Genschers einen Zug mit Ostdeutschen von Prag in den Westen begleitet. Das Buch gewinnt dadurch an lebendiger Authentizität und Ischingers Empfehlungen an Überzeugungskraft.

          Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, ehemaliger Staatssekretär und Botschafter, weiß, wovon er spricht, selbst wenn gutinformierten Zeitgenossen vieles bekannt ist. Es macht den Charme dieses Buches aus, dass es die großen Zusammenhänge, das Zusammenwirken der maßgeblichen Akteure und die Interessenkollisionen aufzeigt.

          Wolfgang Ischinger: Welt in Gefahr. Deutschland und Europa in unsicheren Zeiten.

          Econ Verlag, Berlin 2018. 304 S., 24,– .

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