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Wolfgang Berghofer: Keine Figur im Schachspiel - Wie ich die ,Wende‘ erlebte : Als Dresden nicht nur baufällig war . . .

Ein Trabant beim Treffen historischer Fahrzeuge in der Gedenkstätte „Deutsche Teilung“. Bild: dpa

Wolfgang Berghofer war in den achtziger Jahren für einen SED-Funktionär jung, vergleichsweise unkonventionell und im Herbst 1989 der erste Amtsträger, der mit Demonstranten sprach. Der Volksmund nannte ihn „Bergatschow“.

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          25 Jahre nach dem Mauerfall mangelt es auf dem deutschen Buchmarkt nicht an Memoiren ehemaliger SED-Führer, und stets nehmen darin Rechtfertigung und Verklärung viel Raum ein. Bei Wolfgang Berghofer, dem einstigen Dresdner Oberbürgermeister und Kurzzeit-Stellvertreter Gregor Gysis in der zur PDS umbenannten SED, ist das Gegenteil der Fall. „Keine Figur im Schachspiel“ heißt das Buch, in dem er sein Leben in vier Akten - Partei, Stasi, Wahlfälschung und Wirtschaft - schildert.

          Stefan Locke
          (lock), Politik

          Berghofer war in den achtziger Jahren für einen SED-Funktionär jung, vergleichsweise unkonventionell und im Herbst 1989 der erste Amtsträger, der mit Demonstranten sprach. Der Volksmund nannte ihn „Bergatschow“, und im vereinigten Deutschland hätte er eine politische Zukunft haben können. Doch mit der SED wollte er nicht weitermachen. „Auflösen und neu gründen wäre besser gewesen“, sagte Berghofer schon Ende 1989, nur gab es dafür keine Mehrheit. Sein Überlauf-Versuch zur SPD im Januar 1990, zu dem ihm westdeutsche SPD-Politiker wie Henning Voscherau und Egon Bahr drängten, scheiterte am Votum der frisch gründenden Sozialdemokraten in der DDR, die nicht zu Unrecht fürchteten, von ehemaligen SED-Mitgliedern überrannt zu werden. Berghofer wurde Unternehmer und blieb es, auch weil ein 2001 von Kurt Biedenkopf vermittelter Comeback-Versuch als Dresdner Oberbürgermeister schiefging.

          Er sei sich bewusst, dass sein Buch auf Widerspruch stoßen werde, selbst bei denen, die es nicht lesen, weil ihr Urteil über ihn bereits seit Jahrzehnten feststehe, schreibt Berghofer. Dazu zählt er auch einstige Weggefährten wie Gregor Gysi und Hans Modrow, die es ihm bis heute verübeln, dass er in ihren Augen Fahnenflucht begangen hat. Wo hätte die PDS noch landen können, wenn Gysi und Berghofer sie verkörpert hätten? Letzterer aber leistet sich keine Sentimentalitäten. Berghofer hält es für grundfalsch, dass heute in der öffentlichen Wahrnehmung die Stasi an die Stelle der SED gerückt werde und so die wahren Machtverhältnisse in der DDR falsch interpretiert würden. Soll heißen: Die SED war verantwortlich für das, was die Stasi tat, und nicht umgekehrt.

          Berghofer verschweigt denn auch nicht die für ihn sehr unangenehmen Teile seiner Biographie: die zehnjährige Stasi-Mitarbeit bis 1981 und seine Rolle bei der Fälschung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. Detailliert schildert er, wie mehrfach über das Wahlergebnis verhandelt und mit welch absurden Winkelzügen es schließlich in den Stadtteilen angepasst wurde, um das von der SED-Führung vorgegebene Resultat zu erreichen. Berghofer hat sich als einer der wenigen Amtsträger zu seiner Schuld bekannt - und musste vergleichsweise heftig büßen. 1992 wurde er - trotz Verteidigung durch Otto Schily - zu einem Jahr Haft auf Bewährung und 36 000 Mark Geldstrafe verurteilt, Hans Modrow als SED-Bezirkschef musste „nur“ 5000 Mark zahlen. Vielmehr aber ärgert Berghofer, dass bis heute kein Bericht über ihn ohne das „Verdikt Wahlfälscher“ auskommt. Es „ist eingebrannt in die Haut, sichtbar bis zum Ende meiner Tage“.

          Lesenswert ist Berghofers Buch aber auch wegen seiner Beschreibung Dresdens bei seinem Amtsantritt 1986, einer Zeit, die heute unvorstellbar weit weg erscheint. Es ist das Bild einer heruntergewirtschafteten Stadt, in der 30 000 Wohnungen fehlten, die Kanalisation kaputt war und stromfressende Straßenbahnen über marode Gleise zuckelten, die durch ihre Erschütterungen Gebäude beschädigten. Anfang 1989 musste Berghofer gar die berühmte Gemäldegalerie Alte Meister wegen Baufälligkeit schließen.

          Die DDR, schreibt Berghofer, „verließ als kleine, schmutzige, menschenverachtende Lüge“ die Welt, deren Licht sie 40 Jahre zuvor als „große, liebenswerte Utopie“ erblickt hatte. Gerade deshalb plädiert er aber auch für einen differenzierten Umgang mit den einstigen DDR-Bürgern: Es müsse unterschieden werden zwischen dem Staat als Machtorgan der SED und dem Land, das für viele Heimat war.

          Wolfgang Berghofer: Keine Figur im Schachspiel - Wie ich die ,Wende‘ erlebte. edition ost, Berlin. 256 S., 14,99 €.

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