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Wolf Schneider: Der Soldat - Ein Nachruf : Es geht der Held aus der Welt . . .

  • -Aktualisiert am

Ein Bundeswehrsoldat am 26.08.2011 nahe Kundus, Afghanistan Bild: dpa

Wolf Schneider erläutert umfassend, dass der Krieg keine Soldaten mehr benötige. Ferngelenkte Drohnen und die vorhandenen Atomwaffenarsenale signalisierten das Ende von Massenheeren. Terroranschläge, Attentate und der Partisanenkampf hätten das Kriegsbild total verändert.

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          Wolf Schneider - Journalist, Talkshowmoderator und ehemaliger Leiter der Hamburger Henri-Nannen-Schule - ist auch ein unerbittlicher und vielfach ausgezeichneter Lehrmeister der deutschen Sprache. Darüber hinaus hat er als Autor von annähernd 30 Titeln zu ganz unterschiedlichen Themen auf sich aufmerksam gemacht. Kurz vor seinem 90. Geburtstag widmet er sich mit dem Buch „Der Soldat - ein Nachruf“ einem Thema, das ihn seit dem Dienst in der Wehrmacht umtreibt. Bereits 1964 erschien aus seiner Feder „Das Buch vom Soldaten“. Dies bildet - fortgeschrieben, erweitert und den militärtechnischen sowie strategischen Veränderungen der vergangenen 50 Jahre angepasst - den Grundstock für die jüngste Publikation.

          Eine zentrale These des Autors findet sich bereits im Untertitel. Für Schneider geht die Ära des Soldaten zu Ende: „Zum Siegen taugen Soldaten nicht mehr.“ Der „nächste, vielleicht letzte große Krieg“ werde vielleicht sogar ohne Blutvergießen im Cyberwar, in dem eine kleine Anzahl von Hackern ganze Versorgungs-, Finanz- und Sicherheitssysteme lahmlegen könnte, entschieden. Für diese These spricht, dass derzeit die meisten Staaten der Welt ihre konventionellen Streitkräfte drastisch reduzieren.

          Der Autor erzählt die dreitausendjährige Geschichte des Soldaten in sieben Abschnitten. Zunächst erläutert er umfassend, dass der Krieg keine Soldaten mehr benötige. Ferngelenkte Drohnen und die vorhandenen Atomwaffenarsenale signalisierten das Ende von Massenheeren. Terroranschläge, Attentate und der Partisanenkampf hätten das Kriegsbild total verändert, „reguläre Soldaten haben gegen solche Strategen des Selbstmords keine Chance mehr“. Als Beispiele werden die Kriege in Vietnam, im Irak und in Afghanistan genannt. Im zweiten Abschnitt „Wie alles anfing“ zeichnet er die Geschichte von Kampf und Krieg sowie die Entwicklung des Soldaten vom Altertum bis zu den Massenheeren der Neuzeit nach. Es folgt der Abschnitt „Womit sie kämpften“, in dem die Geschichte der Militärtechnik von Pfeil, Schwert und Streitwagen bis zu den Landminen und Kampfhubschraubern unserer Tage behandelt wird.

          Im Anschluss fragt Schneider nach den Gründen des millionenfachen Soldatentodes: „Wofür sie starben“. Beginnend mit dem Versuch einer Systematik von Kriegsursachen, beschreibt er die ganz unterschiedlichen Gründe: Raum, Vaterland, Religion, Ruhm, Rache, Trophäen bis hin zu Abenteuerlust, Gewalt und Blutrausch. Im fünften Abschnitt „Womit man sie zwang oder überlistete“ geht es um die Mittel, Soldaten für ihre Profession bereit und gefügig zu machen. Hier finden sich Betrachtungen zum Prinzip von Befehl und Gehorsam sowie zum Drill, der dazu dient, den Soldaten glattzuschleifen. Auch Orden und Uniformen, Fahnen sowie die Militärmusik und das Soldatenlied werden in ihrer Attraktivität für die militärische Klientel dargestellt.

          Seine Feststellung, „der Hang zur Buntheit unter kriegerischen Männern“ sei „unausrottbar“, darf mit dem Blick auf die in dieser Hinsicht eher farblose deutsche Bundeswehr indes hinterfragt werden. Auch die Kameradschaft in der kleinen Gruppe und - nicht zuletzt - Angst werden als starke Antriebe für Kampfbereitschaft beschrieben. Es folgen Überlegungen zum Leiden der Soldaten: „Wie sie verreckten“. Dabei geht es nicht nur um Verwundungen und Sterben im Krieg und in der Gefangenschaft, auch Fragen der Sanitätsversorgung bis hin zur aktuellen PTBS-Problematik werden beleuchtet. Abschließend widmet sich Schneider der Frage „Wie man vielleicht überleben kann“. Hier greift er Komplexe wie Verweigerung und Desertion ebenso auf wie den Einsatz von Blauhelmen, die er angesichts des bisherigen Versagens als „gutgemeinten, aber eher peinlichen Abgesang auf das Soldatentum“ bezeichnet. Kritisch, weil „wirklichkeitsfremd“, nähert er sich dem Thema Pazifismus, einem „Leitbegriff des 20. Jahrhunderts“, den er nach George Orwell aber als einen Luxus bezeichnet, „den sich nur Leute leisten könnten, deren Sicherheit garantiert sei“. Auch Einsicht, so das abschließende resignative Fazit, werde den Frieden ebenso wenig erzwingen, wie das „Absterben des Soldatenstandes“ Kriege nicht unwahrscheinlicher machen werde.

          Schneider zeigt sich einmal mehr als höchst gebildeter und belesener Sachbuchautor. Dafür spricht auch die Fülle der Quellen, in denen er Kriegstheoretiker wie Sun Tsu und Clausewitz ebenso heranzieht wie aktuelle Meldungen aus den Printmedien. Auch Militärhistoriker, Philosophen, Psychologen, Soziologen, Dichter und Schriftsteller kommen zu Wort. Schneider nimmt den Leser mit auf einen Parforceritt durch 3000 Jahre Militär- und Kulturgeschichte des Soldaten. Der Text fesselt und macht den Leser gleichzeitig nachdenklich. Das Bestreben Schneiders, der „quälenden und gequälten Kreatur“ des Soldaten ein Denkmal, aber „kein Heldendenkmal“ zu setzen, darf als sehr gelungen betrachtet werden.

          Hans Ehlert

          Wolf Schneider: Der Soldat - ein Nachruf. Eine Weltgeschichte von Helden, Opfern und Bestien. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2014. 544 S., 24,95 €.

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