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Wolf Biermann : Mit Biermann fing es an

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Wolf Biermann, Liedermacher aus der DDR, während seines Auftritts in der Sporthalle in Köln am 13.11.1976. Bild: Picture-Alliance

Zum Jahrestag der Einheit: Erinnerungen an die DDR-Spätzeit

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          Am 25. November 1976 meldete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unter anderem an den Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker: „Dem MfS wurde intern bekannt, dass am 22. November 1976, 20.00 Uhr, in der Wohnung von Stephan Hermlin eine ,Beratung‘ stattfand, an der neben Hermlin Stefan Heym, Jurek Becker, Volker Braun, Christa und Gerhard Wolf, Sarah Kirsch, Günter Kunert sowie Rolf Schneider und Ehefrau teilnahmen. Ziel dieser Zusammenkunft war die gegenseitige Informierung über die mit ihnen geführten Aussprachen seitens leitender Funktionäre des Partei- und Staatsapparates der DDR, die Festlegung des weiteren gemeinsamen abgestimmten Vorgehens“.

          Was das MfS hier berichtete, brachte den SED-Staat in Bedrängnis: Die Zwangsausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann am 16. November 1976, die öffentlichen Proteste dagegen, die von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen initiiert wurden und viel Unterstützung in unterschiedlichsten Kreisen erfuhren, sind Schlüsselereignisse für den im Lauf der achtziger Jahre beschleunigten Untergang der DDR. Die Staatsmacht reagierte auf diese Protestbekundungen mit Drangsalierung und Repression: Schriftsteller wurden eingeschüchtert, die Zensur kurzzeitig wieder verschärft, Schauspieler und Musiker bekamen keine Engagements mehr, Studenten wurden exmatrikuliert. Viele, wie Manfred Krug, Armin Müller-Stahl, Jurek Becker oder Sarah Kirsch, entschlossen sich daraufhin, zu gehen und ihr weiteres Leben in der Bundesrepublik zu verbringen. Andere wie Christa und Gerhard Wolf, Volker Braun, Stefan Heym oder Stephan Hermlin blieben, rieben sich weiter an den Widersprüchen des real existierenden Sozialismus auf, kämpften gegen engstirnige Parteiapparatschiks und versuchten, Freiräume zu nutzen und auszubauen.

          Letztere wurden im Laufe der achtziger Jahre vor dem Hintergrund von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow zusehends größer. Versuche der SED-Führung, diese Entwicklung aufzuhalten, waren am Ende zum Scheitern verurteilt. Hier setzt das Buch des Philosophen und Autors Gunnar Decker über die DDR der achtziger Jahre an. Anders als der etwas irreführende Titel „Die späten Jahre der DDR“ vermuten lässt, ist dieser Band keine Gesamtgeschichte des Untergangs der DDR in den achtziger Jahren.

          Vielmehr stellt Decker vor allem ein Milieu in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: die Künstler- und Intellektuellenszene der DDR und der Sowjetunion. Schriftsteller wie Christa Wolf, Franz Führmann, Stephan Hermlin, Regisseure und Theatermacher wie Konrad Wolf, Heiner Müller oder Jurek Becker, Maler wie Werner Tübke, Fotografen wie Roger Melis, bildende Künstler wie Wolfgang Mattheuer, Philosophen wie Gerd Irrlitz oder Rudolf Bahro werden ausführlich vorgestellt. Man erfährt viel über ihr Leben, ihr Werk, ihre oft ambivalente Haltung zur DDR, die zahlreichen Auseinandersetzungen untereinander und mit den Ansprüchen der Staatsmacht.

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